Ein alternativer Nobelpeis (Right Livelihood Award) für den Einsatz für Frauen

und Mädchen in Kameruns Hohem Norden


Teilnehmerinnen an einem Ausbildungs- und Reflexionsworkshop zur Unterstützung von Mädchen und Frauen[1]

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Günther Lanier, Ouagadougou, 13.10.2021

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Unlängst unterhielt ich mich mit einem Freund, den ich eigentlich in feministischem Sinn für einen Freund der Frauen gehalten hatte. Ich erzählte ihm, dass eine sehr liebe Freundin von mir von ihrem Chef auf ungutestmögliche Art aus seinem Unternehmen geworfen worden war. Sie hatte seinen Avancen nie Folge geleistet und als er die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen einsah, unternahm er alles, um sie loszuwerden – Mobbing, falsche Anschuldigungen, dann wieder versöhnliche Telefonanrufe, um sie in falscher Sicherheit zu wiegen… und nachdem Monate des Psychoterrors ihre Wirkung getan hatten: ein großzügiges finanzielles Angebot, um sich ihrer trotz unbefristeten Vertrags[2] und zutiefst gedemütigt zu entledigen. Sie hat – nach reiflicher Überlegung und auch beraten vom Arbeitsinspektorat – nachgegeben, um sich nicht ganz kaputtmachen zu lassen.

Nun wusste ich, als ich mit meiner Erzählung begann, dass mein Freund beruflich mit diesem Unternehmer zu tun hatte. Sonst hätte ich diese ungustiöse Geschichte gar nicht weitererzählt. Ich wollte ihn wohl warnen, mit wem er da Kontakt hatte. Zu meiner großen Verblüffung schwang sich mein Freund jedoch zu einer Verteidigung des inkriminierten Herrn auf. Und zwar ohne ihn über das Berufliche hinaus zu kennen oder ihm freundschaftlich verbunden zu sein. Seiner Erfahrung nach seien 90% solcher Anschuldigungen von Frauen unwahr[3]

Freilich weiß ich: Die Solidarität mit anderen Patriarchen, der weltumspannende Männerbund hält vielem stand. Schuld sind prinzipiell und immer die Frauen selbst. Gewalt gegen Frauen wird kleingeredet. Sogar Vergewaltiger werden entschuldigt und verteidigt. Dennoch war ich und bin ich erschüttert.

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Marthe Wandou steht ganz rechts[4]

In Kameruns Hohem Norden – der trockensten Region des Landes, etwas über 30.000 km2, die sich mit ihren über 4 Millionen BewohnerInnen bis zum Tschadsee erstreckt, auf Französisch “Extrême-Nord“ – hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen. Dafür ist insbesondere, aber nicht nur, Boko Haram[5] verantwortlich[6]. Wir wissen: Unter Konflikten leiden Mädchen und Frauen besonders[7]. Doch schon lange vor dem Auftauchen der TerroristInnen waren sie vielfacher Gewalt ausgesetzt – nicht zuletzt auch vonseiten ihrer Ehe- oder Beziehungspartner[8].

Am 15. Oktober 1963 wurde in Kaélé, 100 km südlich von Maroua, der Hauptstadt der Region Hoher Norden, sehr nahe der Grenze zum Tschad, Marthe Wandou geboren. 30.000 EinwohnerInnen zählt diese Stadt heute (Maroua über 200.000). Vor 58 Jahren, knapp nach der Unabhängigkeit, waren es viel weniger.

Was Sprachen betrifft, ist der Hohe Norden ein buntes Gemisch. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts dominierten die Fulani (auch Fulbe oder Peulh genannt) und diese behielten auch noch in Kolonialzeiten viel Macht.


Karte der Sprachgruppen in Kameruns Hohem Norden[9]

Linguistisch reich – und auch an Gewalt gegen Frauen und Mädchen mangelte es nirgends. Marthe Wandou scheint nahezu emotionslos, wenn sie von ihrer Jugend erzählt: “Jedes Mädchen dieser Region hat zumindest eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt erfahren. Ich war da keine Ausnahme. Sexuelle Belästigung, Gewalt, aber zum Beispiel auch, dass unter meinen Mitschülerinnen schon in der Volksschule mehrere verheiratet wurden.“ Erst später scheint sie aufgewacht zu sein: “Und auf der Uni waren wir nur drei. Es ist wirklich empörend.“[10]

Sie macht ihren Bachelor in Privatrecht in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, einen Master in Projektmanagement an der Katholischen Universität Zentralafrika (ebenfalls in Yaoundé) und geht dann an die Universität Antwerpen (Belgien) und lässt sich in Gender Studies ausbilden.

Seit den 1990er Jahren setzt sich die “Gender- und Friedensaktivistin (…) für die Prävention und Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder, insbesondere (…) Mädchen, sowie für die Betreuung der Überlebenden solcher Gewalt ein.“[11] 1998 gründet sie in Maroua, der Hauptstadt des Hohen Norden, die Organisation Lokale Aktion für eine partizipative, selbstverwaltete Entwicklung (ALDEPA)[12].

Und für ihre Arbeit mit ALDEPA, wo sie die betroffenen Gemeinschaften fokussiert und deren gemeinsames und holistisches Agieren, für diese Arbeit hat sie nun einen der vier heurigen Alternativen Nobelpreise bekommen, die in Wirklichkeit Right Livelihood Awards heißen und seit 1980 an 186 PreisträgerInnen aus 73 Ländern vergeben wurden[13].


Praxis-Training an den Solarenergie-Einrichtungen im ALDEPA-Büro[14]

Im Mittelpunkt stehen Bildung, psychosoziale Betreuung und rechtlicher Beistand. “Mehr als 50.000 Mädchen haben bisher von der Arbeit von ALDEPA profitiert, diese gründet auf der Mobilisierung ganzer Gemeinschaften und bezieht ganz gezielt Eltern, Kinder und führende GemeinschaftsvertreterInnen ein. Die Organisation hat dazu beigetragen, den Brauch der Kinderehe nach und nach zurückzudrängen. Darüber hinaus fördert sie Schul- und Lebenskompetenzen von Kindern und Fortbildungen von Menschen, die im Kinderschutz tätig sind. In Fällen von Vergewaltigung, Entführung und körperlicher Gewalt unterstützt ALDEPA Familien in Verfahren zur Strafverfolgung.“[15]

Unter den Überlebenden von Gewalt stehen im Hohen Norden freilich Flüchtlinge und Binnenvertriebene in der ersten Reihe – sie haben teils schwerste Traumata erlebt. UNHCR gibt die Zahl der Binnenflüchtlinge im Hohen Norden mit 341.535 an, die Zahl der Flüchtlinge aus Nigeria mit 114.325[16].

Unter den Binnenvertriebenen waren 218.000 Kinder, davon 122.000 Mädchen, 69.000 Frauen und 54.000 Männer[17] und unter den Flüchtlingen aus Nigeria 68.000 oder 59,5% Kinder, darunter die Hälfte oder 34.000 Mädchen, und 46.000 Erwachsene, darunter etwas über 27.000 Frauen, die Frauen stellten somit 23,8% aller Flüchtlinge[18].

Mehr als genug Arbeit also für ALDEPA.


abermals ein Foto vom Ausbildungs- und Reflexionsworkshop zur Unterstützung von Mädchen und Frauen[19]

“Wandou betrachtet psychosoziale Unterstützung als entscheidenden Bestandteil in der Bewältigung von Traumata und der Wiedereingliederung von Überlebenden sexualisierter Gewalt. Dies spielt eine besondere Rolle in Wandous Arbeit mit Flüchtlingen und Binnenvertriebenen infolge der Übergriffe der Extremistengruppe Boko Haram in der Region Hoher Norden im Kamerun.

In einem Umfeld, das von menschenrechtsverletzenden (…) Praktiken und existentieller Unsicherheit geprägt ist, übernimmt Wandou eine couragierte Führungsrolle im Kampf gegen sexualisierte Gewalt und für das Wohlergehen von Mädchen und Frauen in Kamerun und im Tschadbecken.“[20]

Die internationale Sichtbarkeit, die ihr der Alternative Nobelpreis – pardon: der Right Livelihood Award – verleiht, will Marthe Wandou in vermehrte finanzielle Unterstützung für ihre Tätigkeit für Frauen und Mädchen und ganz besonders gegen geschlechtsspezifische Gewalt ummünzen. Möge sie dabei weiterhin viel Erfolg haben!


Marthe Wandou[21]

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Endnoten:

[1] Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren! Herzlichen Dank auch an Right Livelihood für das Verwendendürfen der Fotos! Foto Right Livelihood 16.9.2021, https://rightlivelihood.resourcespace.com/pages/view.php?ref=14008&k=2f4c03ee57&search=%21collection861+&offset=0&order_by=resourcetype&sort=DESC&archive=.

[2] Ein solcher schützt in Burkina sehr weitgehend vor Kündigung.

[3] Vielleicht sagte er auch 85 oder 95%, das weiß ich nicht mehr. Es war jedenfalls eine präzise Zahl nahe 100.

[4] Ausbildungs- und Reflexionsworkshop zur Unterstützung von Mädchen und Frauen, Foto Right Livelihood 16.9.2021, leicht zugeschnitten GL, https://rightlivelihood.resourcespace.com/pages/view.php?ref=14009&k=2f4c03ee57&search=%21collection861+&offset=0&order_by=resourcetype&sort=DESC&archive=.

[5] Zu Boko Haram allgemein siehe Günther Lanier, Wo es keine Perspektive gibt: Boko Haram oder das Versagen des Anti-Terror-Kampfes, Wien (International – Im Fokus 03/2021) 16. April 2021; herunterladbar unter https://international.or.at/wp-content/uploads/2021/04/ImFokus_3_2021-end.pdf. Zu Boko Haram speziell in Kameruns Hohem Norden siehe Agha-Nwi Fru, Teniola Tayo, ISWAP takes aim at the state in Cameroon. The government must act fast to block Islamic State’s advances into the Far North region since Shekau’s death, ISS Today 22.7.2021, https://issafrica.org/iss-today/iswap-takes-aim-at-the-state-in-cameroon.

[6] Im August war es zu Auseinandersetzungen zwischen Fischerei betreibenden und viehzüchtenden Gemeinschaften gekommen, die 12 Tote, 48 Verletzte verursachten – fast 11.000 flüchteten in den nahen Tschad, vor allem Frauen und Kinder. Siehe z.B. https://www.rfi.fr/fr/afrique/20210817-affrontements-intercommunautaires-au-cameroun-pr%C3%A8s-de-11000-nouveaux-r%C3%A9fugi%C3%A9s-au-tchad.

[7] Siehe z.B. Katrina Lee-Koo, Eleanor Gordon, Adolescent girls in five African conflict zones share stories about their lives, The Conversation 16.2.2021, https://theconversation.com/adolescent-girls-in-five-african-conflict-zones-share-stories-about-their-lives-155068. Die dem Artikel zugrundeliegende Forschung fand in Südsudan, Uganda, Niger, Nigeria und Kamerun statt.
Ein weiterer sehr interessanter Artikel zu dem Thema bezieht sich vor allem auf Äthiopien und Kongo-Kinshasa: Lindsay Stark, Falling through the cracks: shining a light on adolescent girls in humanitarian emergencies, The Conversation 7.3.2021, https://theconversation.com/falling-through-the-cracks-shining-a-light-on-adolescent-girls-in-humanitarian-emergencies-156344.

[8] Laut einer rezenten Studie sind Frauen, die verheiratet wurden bevor sie 18 sind, um 20% mehr Gewalt ihrer Intimpartner ausgesetzt, sowohl was körperliche, emotionale als auch sexuelle Gewalt anbelangt: Anthony Idowu Ajayi, Child marriage and domestic violence: what we found in 16 African countries, The Conversation 1.6.2021, https://theconversation.com/child-marriage-and-domestic-violence-what-we-found-in-16-african-countries-161600.

[9] Ohne Angaben zu ErzeugerIn der Karte oder Herstelldatum, überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Extreme_North_Province_ethnic_groups.png.

[10] Marthe Wandou zitiert von RFI in RFI, Prix Nobel alternatif: une Camerounaise récompensée par le Right Livelihood Award, RFI 30.9.2021 um 15h32, Übersetzung GL, https://www.rfi.fr/fr/afrique/20210930-prix-nobel-alternatif-une-camerounaise-r%C3%A9compens%C3%A9e-par-le-right-livelihood-award.

[11] Aus der Begründung der Right Livelihood für die Zuerkennung des Right Livelihood Awards, https://rightlivelihood.org/de/2021-announcement/l1/.

[12] Organisation Action Locale pour un Développement Participatif et Autogéré.

[13] Über einen der Preisträger habe ich vor drei Jahren geschrieben: Günther Lanier, Yacouba Sawadogo. Das Aufbereiten des Unmöglichen, Wien (Radio Afrika TV) 26.9.2018. Auf der Radio Afrika-Webseite ist der Artikel nicht mehr verfügbar, dafür als Kap.18 in Günther Lanier, Afrika. Exkursionen an den Rändern des Weltsystems, Linz (guernica Verlag) 2019, bestellbar nicht bei Amazon, sondern nur beim Verlag: office@guernica-verlag.at bzw. +43-664-1540742.

[14] Foto Right Livelihood 17.9.2021, leicht zugeschnitten GL, https://rightlivelihood.resourcespace.com/pages/search.php?ref=14004&k=2f4c03ee57&search=%21collection861+&offset=0&order_by=resourcetype&sort=DESC&archive=#.

[15] Aus der Begründung der Right Livelihood für die Zuerkennung des Right Livelihood Awards, https://rightlivelihood.org/de/2021-announcement/l1/. Ich habe in dieser Passage zwei Mal “Gemeinde“ durch “Gemeinschaft“ ersetzt – in den kurzen englischen und französischen Videos auf der Right Livelihood-Videos ist von “community“ bzw. “communauté“ die Rede, nicht von “commune“. “Gemeinschaft“ macht mehr Sinn.

[16] HCR (UNO-Flüchtlingskommissariat), Stand 8.9.2021, https://data2.unhcr.org/fr/documents/details/88520.

[17] OCHA (Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten), Cameroun - Extrême-Nord, veröffentlicht am 26.8.2021, die Zahlen geben angeblich die Situation 31.3 2021 wieder, sie entsprechen jedoch mit 341.000 denen des HCR von September 2021 https://reliefweb.int/report/cameroon/cameroun-extr-me-nord-fiche-d-information-sur-les-personnes-d-plac-es-internes-et.

[18] Zahlen zu den Flüchtlingen berechnet nach der Tabelle “Flüchtlinge nach Alter“ (Réfugié.e.s par tranche d’âge) und auch nach Geschlecht im Nigeria-Flüchtlinge-Teil des oben erwähnten HCR-Dokuments, Stand 8.9.2021, https://data2.unhcr.org/fr/documents/details/88520.

[19] Foto Right Livelihood 16.9.2021, leicht zugeschnitten GL, https://rightlivelihood.resourcespace.com/pages/view.php?ref=14004&k=2f4c03ee57&search=%21collection861+&offset=0&order_by=resourcetype&sort=DESC&archive=.

[20] Aus der Begründung der Right Livelihood für die Zuerkennung des Right Livelihood Awards, https://rightlivelihood.org/de/2021-announcement/l1/.

[21] Foto Right Livelihood 18.6.2021, https://rightlivelihood.resourcespace.com/pages/search.php?ref=13987&k=2f4c03ee57&search=%21collection861+&offset=0&order_by=resourcetype&sort=DESC&archive=#.