Landraub der anderen Art. Naturschutz in Afrika und seine Militarisierung

Günther Lanier, Wien, 11.8.2021 (geschrieben in Ouagadougou am 18. Mai 2021)

Der folgende Artikel ist gestern als Teil 2 der Broschüre "Landraub (Landraub. Land Grabbing. Accaparement des terres. Grilagem de terra… + Landraub der anderen Art. Naturschutz in Afrika und seine Militarisierung)", Wien (International – Im Fokus 05/2021) erschienen - bestellbar unter https://international.or.at/im-fokus/".
Der zweite Teil des Artikels entspricht weitgehend meinem Radio Afrika-Artikel "Naturschutz vs. AnrainerInnen. Aufrüstung einmal anders" vom 20.5.2020, veröffentlicht am 15.6.2020.

 

Beryl Markham, einst mit ihrem Flugzeug scout für GroßwildjägerInnen[1]

Sie war die erste, die einen Non-stop-Flug von England nach Nordamerika schaffte. 1936 war das. Davor hatte Beryl Markham in Kenia Pferde gezüchtet und sich dann ihr Leben als Berufspilotin verdient. Von Nairobi aus flog sie unter anderem im Auftrag von GroßwildjägerInnen: “Ich glaube, dass ich der erste Mensch war, der Elefanten aus der Luft aufspürte“, schreibt sie in ihren Memoiren[2]. Sie hatte großen Respekt vor diesen Tieren, hielt sie für ähnlich intelligent wie Menschen, fand es “lächerlich“, dass Menschen Elefanten töteten, hatte aber keine Gewissensbisse, ihren AuftraggeberInnen die Jagd zu erleichtern, indem sie herausfand, wo sich ein Exemplar mit prächtigen Stoßzähnen aufhielt[3]. “Was die Brutalität der Elefantenjagd betrifft, so vermag ich nicht einzusehen, dass sie brutaler wäre als neunzig Prozent aller übrigen menschlichen Aktivitäten. Auch scheint mir der Tod eines Elefanten in keiner Weise tragischer zu sein, als der Tod eines Hereford-Bullen – wenn schon gewiss nicht vom Standpunkt des betreffenden Bullen.“[4]

 

Beryl Markham vor dem Start über den Nordatlantik 1936[5]

Ein letztlich ungebrochenes Verhältnis zum Jagen hatte auch Theodore Roosevelt, der als der erste Naturschützer auf dem Präsidentensessel der USA gilt, wo er 1901 bis 1909 Platz genommen hat[6]. “Die, die gegen jegliches Jagen protestieren, haben nicht das Herz am rechten Fleck, sie sind ein bissl weich in der Birne”[7]. Nur 19 Tage nach dem Ende seiner Zeit als Präsident brach der begeisterte Jäger nach Afrika auf und leitete die Afrikanische Smithsonian-Roosevelt-Expedition, die von Kenia über Uganda in den heutigen Südsudan zog, um Ausstellungsstücke für das neue Naturkundemuseum des Smithsonian, eine öffentlich-rechtliche Forschungs- und Bildungsstiftung mit Sitz in Washington, zu sammeln. Über 11.000 Tiere konnten gesammelt oder besser erbeutet werden: Es ging vor allem darum, sie umzubringen. 4.000 Vögel, 2.000 Reptilien und Amphibien[8], 500 Fische und 5.000 Säugetiere. Die Expedition muss eine einzige Schieß-Orgie gewesen sein. Auch Elefanten, weiße Nashörner und Nilpferde mussten dran glauben.

Wem gehört das Land? Theodore Roosevelt und andere Teilnehmer der Afrikanischen Smithsonian-Roosevelt- Expedition[9]

”Die herrschende Meinung besagt, dass Roosevelt’s Begeisterung fürs Jagen gut war, weil sie seine Leidenschaft für den Naturschutz verstärkte. Aber dieses Paradigma untermauert, was ich für einen modernen rassistischen Mythos halte: die Ansicht, dass Trophäenjagd – bei der reiche JägerInnen staatliche Lizenzen erwerben, um Großwild zu schießen und die Teile der erlegten Tiere zu behalten, die sie wollen – den Artenschutz in Afrika finanziert. Meiner Einschätzung nach gibt es wenig Evidenz, die solche Behauptungen über die Trophäenjagd stützen würde, vielmehr verstärken sie ausbeuterische Modelle des Naturschutzes, indem sie lokale Gemeinschaften von ihrem nunmehr für die Trophänejagd reservierten Land vertreiben.“[10]

Das radikale Ignorieren von AnrainerInnen und früheren BewohnerInnen von Naturschutzgebieten im Globalen Süden ist ein systematisches[11]. Einerseits zählen sie nicht – wie ja auch bei der Einrichtung der US-amerikanischen Nationalparks die “IndianerInnen“ nicht zählten[12]. Darüber hinaus stellen sie eine Gefahr dar, könnten sie doch die geschützten Gebiete zweckentfremdet nutzen wollen.

Der dreißigjährige Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este auf Elefantenjagd[13]

In einem sehr unmittelbaren Sinn sind TrophäenjägerInnen konsequenter als die meisten anderen beim Umsetzen des biblischen Auftrags, sich die Erde untertan zu machen und noch den allergrößten und furchterregendsten Tieren zu zeigen, wer die Krone der Schöpfung ist[14]. In der Theologie wird dieser globale Herrschaftsauftrag (dominium terrae) seit dem 20. Jahrhundert vermehrt als treuhändische, gleichsam hütende Aufgabe interpretiert. Das passt gut zu der oben beschriebenen Ambivalenz des Jäger-Naturschützers Theodore Roosevelt.

Angesichts der Kooperation von NaturschützerInnen mit den mit modernen, überlegenen Waffen ausgestatteten TrophäenjägerInnen ist dann auch nicht mehr überraschend, dass bei der Verteidigung der Natur gegen die Einheimischen – Prakash Kashwan schreibt vom Festungsnaturschutz (wie wir ja auch die Festung Europa gegen die anstürmenden MigrantInnen aus dem Globalen Süden schützen müssen) – dass bei dieser Verteidigung, wie wir sehen werden, immer aggressiver vorgegangen wird.

Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha jagt in Äthiopien Elefanten[15]

Menschen, die einst in den Schutzgebieten lebten oder sie nutzten, wurde ihr Land geraubt. “Green grabbing“ heißt das im Fachjargon, “grüner Landraub“. Ein Begriff, der 2008 von John Vidal in einem Guardian-Artikel geprägt wurde[16]. Dort heißt es auch: “Naturschutz hat das Leben von Einheimischen in ganz Afrika in unmessbarem Ausmaß verschlechtert“[17]. Es handelt sich um die “dunkle Seite grünen Wirtschaftens“[18]. Es muss nicht das Einrichten von Nationalparks sein, Grund des Raubens kann auch ein ökotouristisches Projekt sein oder Kohlenstoffbindung im Boden oder die Produktion von Biokraftstoffen.

Mit dem Ausdruck “green grabbing“ wurzeln wir fest im 21. Jahrhundert. Doch die Sache ist mitnichten neu. Es ist wie eine Reinkarnation des alten, nur scheinbaren Widerspruchs zwischen einerseits Demokratie & Humanität – der Sonnenseite der sich globalisierenden Welt – und andererseits Kolonie & Grausamkeit – der Nachtseite derselben Welt –, zwischen zunehmender Moralisierung & Verrechtlichung des Lebens bis hin zum Kriegsgeschäft (ius in bello & ius ad bellum[19]) in der Satten Welt, während im Globalen Süden, in den Kolonien und heute Ex- oder Post-Kolonien rechtsfreier Raum Ungerechtigkeiten und Brutalitäten Tür und Tor öffnet. Die sonnige Satte Welt hat ihre Gewalttätigkeit erfolgreich externalisiert[20].

Carl Altmann, Die Wilderer bei Mondenschein[21]

Nationalparks und ähnliche Naturschutzeinrichtungen[22] generieren für manches afrikanische Land viel Geld, da fließen begehrte Devisen. Reiche TouristInnen aus der Satten Welt, wo unberührte Natur kaum oder gar nicht mehr existiert, sind bereit, viel Geld zu zahlen, um im Urlaub in der exotischen Ferne Ursprüngliches zu sehen, zu erleben.

Das könnte ein taugliches wirtschaftliches Konzept ergeben, von dem alle Beteiligten profitieren, eine win-win-Situation also. TouristInnen als moderne Inkarnationen der in Afrika generell hoch geachteten GästInnen würden im Idealfall die früheren BewohnerInnen und die AnrainerInnen der Naturschutzgebiet für anderweitig entgangenes Einkommen mehr als kompensieren, zahlen sie doch nicht nur Eintrittsgebühren, sondern brauchen auch FührerInnen, KöchInnen und sind generell glücklich, wenn sie als Draufgabe zu Tieren und Natur auch eine kleine Einführung in die Exotik des Lebens der Einheimischen bekommen.

Leider hat es in dieser Form nur selten funktioniert. Den Profit streichen andere ein, nicht AnrainerInnen. Die können meist nicht einmal g’scheit Englisch, wie sollen sie sich denn mit den TouristInnen verständigen. Da braucht es schon ausgebildetes Personal.

Seit einiger Zeit hat der Naturschutz aufgerüstet: Da Nationalparks und andere Schutzeinrichtungen ein wertvolles Profitpotential darstellen, verteidigt “der Naturschutz“ seine Territorien mit zunehmend rabiaten Mitteln. Hauptziel sind die global agierenden Elfenbeinschmuggel- und Nashornhörner-Netzwerke. Und es gibt Kollateralopfer: die AnrainerInnen.

Rudolf Koller, Der Wilderer in Waldlandschaft[23]

Einheimische Wilderei umgibt in der Satten Welt noch heute ein Hauch von Romantik. WildererInnen[24] leisteten der Enteignung und Entrechtung der armen Leute durch den Adel Widerstand, bestanden noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf der Tradition der freien Jagd, während sich “die Herrschaft“ de iure längst das Jagdmonopol gesichert hatte.

Roland Girtlers wohl bekanntestes Buch heißt “Wilderer – Soziale Rebellen in den Bergen“, 1998 in Wien bei Böhlau herausgekommen[25]. Auch “sein“ Wildereimuseum in St. Pankraz in der oberösterreichischen Pyhrn-Priel-Region[26], 1998 zur Landesausstellung “Land der Hämmer“ entstanden, zehrt zweifellos von dieser Romantik.

Rebellion also gegen das von “denen da oben“ begangene Unrecht. Gegen eine Form von “Einhegung“ von Land, das traditionell Allgemeinbesitz war. Genau wie in der Ebene unten, in England, wo solche Einhegungen von Gemeindeland anlässlich der ursprünglichen Akkumulation einen wesentlichen Beitrag[27] zur Entwicklung des Kapitalismus in seinem Frühstadium leisteten – und viele ins Elend stürzten.

Unrechtmäßige Aneignung von Land ist in Afrika freilich seit dem Beginn der Kolonisierung zuhauf geschehen. In SiedlerInnen-Kolonien (Algerien, Kenia, Südafrika…) besonders arg und intensiv und brutal, aber auch anderswo wurden die “Eingeborenen“ enteignet. Sie waren ja keine BürgerInnen, sondern UntertanInnen, da hat eineR kaum Rechte, nur Pflichten.

Eine Form der Enteignung war das Einrichten von Schutzgebieten. Das begann schon um 1900. Großwildjagd konnte die Finanzen der stets von der Heimat zu kurz gehaltenen Kolonien – sie sollten ja Geld einbringen, nicht kosten – beträchtlich aufbessern.

In Tansania (damals Deutsch-Ostafrika) wurde 1896 ein paar hundert Kilometer südwestlich von Dar Es Salaam (dem Gouverneurssitz) und südlich des Rufiji-Flusses ein erstes kleines Wildreservat eingerichtet. Das Gebiet war dünn besiedelt, aber keineswegs menschenleer – Gouverneur Hermann von Wissmann berichtete anlässlich seiner Expedition vom März 1896 gar von “ununterbrochenen Mais-, Hirse- und Reisfeldern“[28] entlang des Rufiji-Flusses. In Folge des von den deutschen “Schutztruppen“ extrem brutal geführten Maji-Maji-Krieges[29] (1905-07) wurde das Gebiet weiter entvölkert. Während der verbliebenen Bevölkerung landwirtschaftliche Betätigung ebenso wie die Jagd streng verboten war, wurde das Reservat 1907 ausgeweitet. Unter britischer Herrschaft kam es zu weiteren Vergrößerungen und heute ist das Wildreservat das größte Afrikas. Es umfasst mit über 50.000 km2 (60% der Fläche Österreichs) etwa 5% des tansanischen Staatsgebietes.

Als Selous-Reservat ist es nunmehr bekannt: Aller Unabhängigkeit zum Trotz trägt es noch immer den Namen des britischen Großwildjägers Frederick Courteney Selous.

Meno Mühlig, Wilderer, einen erlegten Hirsch aufbrechend[30]

Ich weiß von keiner Verherrlichung oder Romantisierung des Widerstands gegen diese Art von Landraub in Afrika. Das mag daran liegen, dass die Stimmen afrikanischer RebellInnen sehr viel weniger in die Satte Welt dringen als die der Herrschenden.

Als im Jahr 1900 in London eine erste internationale Konferenz zum Schutz afrikanischer Wildtiere abgehalten wurde, die mit dem Beschluss der Londoner Konvention endete, waren AfrikanerInnen nicht eingeladen, nicht vertreten.

Dass es sich bei dem, was den paar reichen GroßwildjägerInnen zuliebe geschah, um Raub und um Entzug der Existenzgrundlagen vieler, aber armer Menschen handelte, daran besteht kein Zweifel. Und jeder neu geschaffene Nationalpark, jedes neu eingerichtete Schutzgebiet brachte eine Neuauflage dieses Grundwiderspruchs. Die Natur gehört vor ihren (insbesondere schwarzen) BewohnerInnen geschützt!

Ist auf den Wildereibildern des späten 19. Jahrhunderts festzustellen, dass JägerInnen und WildererInnen tendenziell mit den gleichen Waffen kämpfen, so ist das in Afrika immer weniger so.

Carl Friedrich Schulz, Wilderer zielt auf zwei Jäger mit Hund und erlegtem Rehbock[31]

Der Grund dafür ist die zunehmende Militarisierung des Naturschutzes in Afrika[32].

Das Aufrüsten des Naturschutzes ist eine Reaktion auf die Waffen, über die die “GegnerInnen“ verfügen. Damit meine ich nicht die AnrainerInnen, die oft nur mit Speeren und Macheten auf Jagd gehen, sondern die Waffen derjenigen, die dem internationalen Elefantenstoßzahn- oder Nashornhörner-Handel zuarbeiten.

Tansania und insbesondere das Selous-Wildreservat waren von Wilderei besonders betroffen. Der Bestand an Elefanten soll dort innerhalb von vier Jahrzehnten um 90% zurückgegangen sein. 2006-16 sollen in Subsahara-Afrika nach Schätzungen der Weltnaturschutzunion[33] 110.000 Elefanten erlegt worden sein. Auf der Gegenüberseite sei massiv aufgerüstet worden, Maschinengewehre und Nachtsichtgeräte gehörten teils zur Standardausrüstung. 2004-14 seien in Afrika und Asien laut dieser NGO über 1.000 RangerInnen getötet worden.

Die “Weltöffentlichkeit“ wurde von WWF & Co mit furchtbaren Bildern von hingeschlachteten Elefanten und Nashörnern bombardiert und es wurde der Krieg gegen die Wilderei ausgerufen. Internationale GeberInnen und NGOs, darunter insbesondere die deutsche Entwicklungszusammenarbeit inklusive GIZ, investierten sehr viel Geld in eine verbesserte, insbesondere militärische Ausrüstung und Ausbildung der WildhüterInnen vor Ort – fast alles Geld, das für Naturschutz zur Verfügung stand. Für Begleitmaßnahmen für geschädigte AnrainerInnen blieb da kaum etwas übrig.

Die RangerInnen wurden nicht nur mit Waffen, sondern auch mit anderen militärischen Geräten und mit Wissen in Aufstandsbekämpfung ausgestattet. Vielfach wurden die NaturschützerInnen in den Sicherheitsapparat ihres Landes integriert und OffizierInnen übernahmen Führungsrollen. Auch Privatfirmen, SöldnerInnen, wurden manchmal engagiert. Die Rüstungsindustrie (die südafrikanische Paramount Group, die deutsche Rheinmetall AG[34]) rieb sich die Hände, die Naturschutzbehörden waren willkommene neue KundInnen.

Im Februar 2019 wurde Yang Fenglan wegen Wilderei und Führen einer kriminellen Vereinigung zu 15 Jahren Haft und einer Geldstrafe von 11,6 Mio. Euro verurteilt. Die “Elfenbeinkönigin“ galt “als die Patin eines chinesischen Mafiarings aus chinesischen InvestorInnen und PolitikerInnen, der den Elfenbeinhandel aus Ostafrika nach China und Vietnam wie ein Kartell dominierte und über 2,25 Mio Euro Profit erwirtschaftet hatte. Laut Gerichtsurteil hatte sie 840 Stoßzähne zwischen 2000 und 2014 außer Landes geschmuggelt – dafür wurden 420 Elefanten getötet“[35].

Es hat sich Erfolg eingestellt – vor Gericht[36], aber auch in der Wirklichkeit. Die Zahlen der getöteten Elefanten sind drastisch zurückgegangen. Wunderbar! Hat sich das Wettrüsten also ausgezahlt? Es scheint, dass der Hauptfaktor für die Verbesserung der Lage der Elefanten und Nashörner ein ganz anderer war: Ende 2016 trat China dem Artenschutzabkommen[37] bei. Der chinesische Importstopp ließ die Weltmarktpreise für Elfenbein kollabieren.

Wäre es nicht vielleicht klüger gewesen, von Anfang an statt auf Waffen und Militärtechnologie auf Maßnahmen zum Verringern der Nachfrage zu setzen?

Angesichts der überaus teuren Investitionen in die Sicherheit (inklusive der zahlenden BesucherInnen) der Naturschutzgebiete sind diese zu big business geworden. Es geht darum, aus der “unberührten Natur“ und den lieben, endlich effizient geschützten Tieren Profit zu schlagen. So ist in Afrika binnen kurzer Zeit ein Multi entstanden, “African Parks“ heißt er[38]. Im Jahr 2000 in Johannesburg gegründet, verwaltet er mittlerweile 19 Naturschutzgebiete in elf Ländern mit einer Gesamtfläche von über 14,7 Mio. ha.

“«African Parks hat ein klares Geschäftsmodell», heißt es auf der Internetseite, mit einem «starken Fokus auf wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung in den umliegenden Gemeinden, um sicherzugehen, dass der Park langfristig ökologisch, sozial und finanziell nachhaltig ist».“[39]

Wer’s glaubt, wird sicher selig.

Zeichnung Professor Thons “Des Wilderers Tochter“[40]

Der hochgerüstete afrikanische Naturschutz kann seine territorialen Ansprüche auf die geschützten Gebiete nun besser durchsetzen[41]. Das geht vor allem gegen die AnrainerInnen – die neuen Machtverhältnisse wirken sich eindeutig zu ihren Ungunsten aus.

Sie haben mehr als früher zu befürchten. Mord, Folter, Vergewaltigung durch die RangerInnen wurden 2018 zum Beispiel aus dem westkongolesischen (RDC) Salonga-Nationalpark berichtet[42]. Als WWF und ICCN[43] eine eigene Untersuchung lancierten, stießen die ErmittlerInnen auf Berichte von vergewaltigten Frauen und FischerInnen, deren Geschlechtsorgane vermutlich von “Ecoguards“ verstümmelt worden waren. Noch bevor die Untersuchung veröffentlicht war, wurde einer ihrer AutorInnen von ParkwächterInnen mit dem Tod bedroht und musste fliehen[44].

AnrainerInnen kommen oft, ja fast systematisch unter die Räder.

Sie stören.

Wenn sie nicht gar als FeindInnen betrachtet und entsprechend behandelt werden.

Zum Abschluss eine Geschichte aus dem Virunga-Nationalpark, das ist der Nationalpark, der die kongolesische Seite der Rwenzori-Berge einnimmt. In diesem Gebiet herrscht ein immer wieder aufflammender Krieg, eine Zeit lang schien sich der Konflikt in den nördlichen Teil der Provinz Ituri verlagert zu haben[45], doch dann griffen am 24.4.2020 ruandische Hutu-Rebellen von der FDLR (die 1994er Genozidäre, die sich nach Kongo-Kinshasa abgesetzt hatten) nahe dem Virunga-Nationalpark-Hauptquartier in Rumangabo aus dem Hinterhalt einen Konvoi an und töteten 13 ParkwächterInnen und fünf ZivilistInnen[46].

Vor vierzehn Jahren, 2007, hatten RangerInnen in den Virunga-Bergen die Leichen einer Gorillafamilie gefunden, allesamt erschossen und verstümmelt, wahrscheinlich von Leuten der FDLR. Ein späterer Leiter des Virunga-Nationalparks mutmaßte, sie hätten probiert, die Gorillas auszurotten, damit der Nationalpark aufgegeben werde und sie ihren Holzkohlehandel ausweiten könnten. Den Regeln der Werbung entsprechend, führte die weltweite Verbreitung der Fotos der Gorilla-Leichen zu einem riesigen Aufschrei – und mittelfristig zu anhaltend mehr Geld für den Virunga-Park.

Damals war von Aufrüstung der ParkwächterInnen noch keine Rede.

Doch das änderte sich 2012 schlagartig, als es ans Eingemachte ging. Da eroberten die M23-RebellInnen[47] weite Teile des Ostens von Kongo-Kinshasa und schlugen ihr Hauptquartier neben dem Hauptsitz der Virunga-Parkverwaltung auf. Statt die Gorillas umzubringen, boten die M23-RebellInnen TouristInnen Gorilla-Touren für einen Dumpingpreis von 360 Euro pro Person an. Die Einnahmen, die ihnen daraus entstanden, fehlten freilich den Behörden. Der M23-“Tourismusminister“ ließ verlauten, dass seine Rebellenarmee die Gorillas besser schützte als die staatliche Parkverwaltung.

Franz von Defregger, Wilderer auf der Sennhütte[48]

 

Endnoten:

[1] Foto 1936 Agence de presse Meurisse, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beryl_Markham_1936.jpg.

[2] Memoiren ist vielleicht ein großes Wort für ihr autobiographisches Buch: Beryl Markham, Westwärts mit der Nacht. Mein Leben als Fliegerin in Afrika, München (Piper) 2001 (© “West with the Night“ 1942), p.220.

[3] Ebd. p.219. Die folgenden etwa 40 Seiten drehen sich ums Elefanten-scouting. Auf p.223 drückt sie ihre Dankbarkeit aus, dass sie einst nicht von einem großen Bullen “bis zum allerletzten Zentimeter niedergetrampelt worden“ ist, das dazugehörige Erlebnis folgt zehn Seiten später.

[4] Ebd., p.222.

[5] FotografIn unbekannt, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beryl_Markham_f%C3%B6re_start_%C3%B6ver_nordatlanten.jpg.

[6] Theodore Roosevelt war ein entfernter Verwandter von Franklin D. Roosevelt, der die USA durch den Zweiten Weltkrieg manövrierte. Theodore war jedoch Republikaner, Franklin Demokrat.

[7] Unmittelbar davor spricht er sich gegen das Abschlachten von Wild als einer Form von Grausamkeit und Barbarei aus. Hier das von mir frei übersetzte Zitat im Original: “Game butchery is as objectionable as any other form of wanton cruelty or barbarity; but to protest against all hunting is a sign of softness of head, not soundness of heart.“ African Game Trails. An account of the African wanderings of an American hunter-naturalist, New York (Charles Scribner's Sons) 1910, zitiert in https://www.startribune.com/writings-of-theodore-roosevelt-called-for-preserving-nature/475747363/?refresh=true.

[8] Frösche, Kröten, Unken, Salamander, Molche…

[9] Von den zahlreichen “Trägern, Gewehrträgern, Pferdejungen, Zeltleuten und Askari-Wächtern“ (askari = einheimischer Soldat) sind nur drei zu sehen. Führer waren sicher auch Einheimische. Foto 1909 Smithsonian Institution Archives, Record Unit 95, Box 56, Folder 10, leicht überarbeitet GL, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Smithsonian_Institution_Archives_-_SIA2009-1371.jpg.

[10] Prakash Kashwan, American environmentalism’s racist roots have shaped global thinking about conservation, The Conversation 2.9.2020, https://theconversation.com/american-environmentalisms-racist-roots-have-shaped-global-thinking-about-conservation-143783. Übersetzung GL. Der Autor dieses Artikels ist einer der Direktoren des Forschungsprogramms zu ökonomischen und sozialen Rechten am Human Rights Institute sowie Associate Professor am Department of Political Science der Uni von Connecticut.

[11] Ebd. schreibt Prakash Kashwan, dass lokale Gemeinschaften aus gängigen Narrativen zum Naturschutz meist herausgeschrieben werden.

[12] Um noch einmal auf Theodore Roosevelt zurückzukommen: “So bewahrend die Roosevelt-Administration gegenüber schönen Landschaften und wilden Tieren eingestellt war, so wenig wollte sie umgekehrt davon wissen, die traditionellen Kulturen der nordamerikanischen Indianer für die Nachwelt zu erhalten.“ Sowohl in diesem Zitat als auch in seinem Buchtitel meint Aram Mattioli die Indianerinnen sicher mit. Aram Mattioli, Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910, Stuttgart (Klett-Cotta) 2017, p.341.

[13] Foto Carl Pietzner 11.1.1893, aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Franz_Ferdinand_von_%C3%96sterreich-Este_auf_Elefantenjagd_1893.jpg.

[14] Genesis 1,28 spricht in einer neueren Übersetzung von Unterwerfen, nicht Untertanmachen: “Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Uni Innsbruck, Die Bibel in der Einheitsübersetzung, https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/gen1.html.

[15] Ölgemälde von Carl Trost ca.1862, Foto Koller Auctions Genf 23.3.2009, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Trost_-_Herzog_Ernst_von_Sachsen-Coburg-Gotha_bei_der_Elefantenjagd_in_%C3%84thiopien.jpg.

[16] John Vidal, The great green land grab, The Guardian 13.2.2008, http://www.guardian.co.uk/environment/2008/feb/13/conservation.

[17] Ebd. Am Wort ist Simon Colchester, Direktor des in Südamerika, Asien und Afrika aktiven Forest Peoples Programme, das Zwangsaussiedlungen, Menschenrechtsverletzungen und die zunehmende Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Naturschutz konstatiert hat.

[18] So sagte es Melissa Leach 2012, zitiert auf https://www.buildings.com/articles/31430/green-grabbing-dark-side-green-movement. Sie ist eine der HerausgeberInnen der Green Grabbing-Nummer des Journal of Peasant Studies: James Fairhead, Melissa Leach, Ian Scoones, Green Grabbing: a new appropriation of nature? Journal of Peasant Studies Bd.39, 2012, Nr.2, pp.237-261, online publiziert am 19.4.2012, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/03066150.2012.671770.

[19] “Recht im Krieg“ und “Recht zum Krieg“ – gemeinsam bilden diese beiden das Kriegsvölkerrecht.

[20] Bleibt freilich noch immer viel zu viel Gewalt auch im Inneren. Dieser Absatz verwertet Gedanken Achille Mbembes. Siehe ders., Politiques de l’inimitié, Paris (La Découverte) 2016 und dort insbesondere die Seiten 35 bis 42. Wobei Achille Mbembe nicht von Sonnen- bzw. Nachtseite schreibt, sondern vom “corps solaire“ und vom “corps nocturne“, also vom “Sonnenkörper“ und vom “nächtlichen Körper“ (p.35). Auf p.42 spricht er dann mit Bezug auf Frantz Fanon von der kolonialen Welt als des nächtlichen Antlitzes (“face nocturne“) der demokratischen Ordnung. Auf Deutsch: Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, Berlin (Suhrkamp) 2017.

[21] Gouache auf Papier, 12x16cm, 1833, Foto Wiener Dorotheum, ohne Datum, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Altmann_Wilderer_bei_Mondschein_1833.jpg. Ab diesem Bild ist dieser Artikel eine leicht überarbeitete Version von Günther Lanier, Naturschutz vs. AnrainerInnen. Aufrüstung einmal anders, Radio Afrika TV, Wien 15.6.2020 (geschrieben 20.5.2020), https://www.radioafrika.net/naturschutz-vs-anrainerinnen-aufrustung-einmal-anders/.

[22] Ich habe mich anlässlich der Rwenzori-Bergwelt auch mit den beiden Nationalparks beschäftigt, die es dort auf ruandischer bzw. kongolesischer Seite gibt. Siehe Günther Lanier, R(u)wenzori. Gletscher am Äquator, Radio Afrika TV 29.4.2020 https://www.radioafrika.net/ruwenzori-gletscher-am-aquator/. Ein Jahr davor ging es mir um Tier vs. Mensch in Tansania, Kenia und Madagaskar in Günther Lanier, Menschenbedroht. Oder eigentlich wirtschaftsbedroht, Radio Afrika TV 3.4.2019, http://www.radioafrika.net/menschenbedroht/. Um die Fauna und wie von Menschen mit ihr umgegangen wird, insbesondere in Namibia und Sambia, geht es auch in Günther Lanier, Tierisches. Der lebendigste Teil der Umwelt, Radio Afrika TV 20.11.2019, http://www.radioafrika.net/tierisches/.

[23] 1894, Öl auf Leinwand 118x138cm, aus dem Bestand des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaften, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rudolf_Koller_-_Der_Wilderer_in_Waldlandschaft.jpg.

[24] Der “Beruf“ war in Österreich extrem männerdominiert, aber es gab hin und wieder auch Frauen. So z.B. 1791 die Bluntaumüllerin (Golling, Salzburg) – siehe die Schilderung des Falles in Norbert Schindler, Wilderer im Zeitalter der Französischen Revolution: ein Kapitel alpiner Sozialgeschichte, München (C.H.Beck) 2001, pp.212ff, teilzugänglich auf Google Books.

[25] Das ist die zweite, überarbeitete Auflage. Ich glaube, die erste war aus 1988, damals erschien jedenfalls von ihm “Wilderer: Soziale Rebellen im Konflikt mit den Jagdherren“ im Linzer Landesverlag.

[26] 50 km südlich von Wels. Zum Museum siehe https://www.urlaubsregion-pyhrn-priel.at/oesterreich-poi/detail/430001395/1-oesterreichisches-wilderermuseum-st-pankraz-klaus-an-der-pyhrnbahn.html.

[27] Und zwar sowohl aufseiten der Reichen (Möglichkeit, größere Profite einzufahren) als auch aufseiten der Armen, denen, von ihren Produktionsmitteln (hier: der Erde) getrennt, nichts anderes übrigblieb, als ihre “freie“ Arbeitskraft an KapitaleignerInnen zu verkaufen.

[28] Ohne Quellenangabe zitiert auf https://de.wikipedia.org/wiki/Selous.

[29] Siehe Günther Lanier, Maji-Maji. “Den Schwarzen kann man nicht mit Friedenssachen kommen, es gebraucht eine starke Hand“, Radio Afrika TV 25.9.2019, http://www.radioafrika.net/maji-maji/.

[30] Vor 1873, Öl auf Leinwand 63,5x50,5cm, Foto Kunsthaus Lempertz, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meno_M%C3%BChlig_Wildererszene_2.jpg.

[31] Circa 1830, Öl auf Holz, 42x35cm, Foto Auktionshaus Michael Zeller, Landau, 4.4.2019, lot 1652, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Friedrich_Schulz_-_Wilderer_zielt_auf_zwei_J%C3%A4ger_(ca._1830).jpg.