Berge am Wendekreis des Krebses. Ahaggar, auch Hoggar genannt

 
Foto Bertrand Devouard oder Florence Devouard Dezember 2004 oder Jänner 2005, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hoggar2.jpg?uselang=de.

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Günther Lanier, Ouagadougou, 7.7.2021

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Vorige Woche schrieb ich über die 60 Jahre zurückliegenden französischen Atomversuche in der südalgerischen Sahara und den Skandal, dass sich Paris bis zum heutigen Tag nicht um seine diesbezügliche Hinterlassenschaft gekümmert hat. 17 solche Tests fanden 1960 bis 1966 statt, die vier ersten, oberirdischen, nahe Reggane, die 13 folgenden, nunmehr unterirdisch, nahe von In Ecker, im Gebiet des Ahaggar (Hoggar), 150 km nördlich von Tamanrasset.

Das Ahaggar ist ein Gebirgsmassiv vulkanischen Ursprungs im zentralen Süden Algeriens. Über 500.000 km2 ist es groß (6 Mal Österreich). Ungefähr 1.500 km sind es nach Algier und somit zum Mittelmeer. Am höchsten ragt der Tahat auf, mit 2908 Metern ist er so hoch wie kein anderer Berg in Algerien. Wie viele der prominenten Erhebungen im Hoggar ist auch der Tahat ein erodierter Vulkanschlot.

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Bewohnt wird das Gebiet vor allem von Tuareg, selbst nennen sie sich in Algerien und Libyen “Imuhagh“. In Europa bekannt sind vor allem die blauverschleierten Männer, die Oasen oder Karawanen überfallen oder diese Karawanen durch die Wüste führen. Ihrem kriegerischen Ruf zum Trotz sind die “Kel Tamasheq“, die “Tamasheq-SprecherInnen“, jedoch matrilinear. Das heißt zwar nur, dass Vererbung (insbesondere auch des sozialen Rangs – was in der sehr hierarchischen Gesellschaft entscheidend ist) über die Mutter läuft, heißt nicht, dass die Frauen die Macht ausüben (das wäre ein Matriarchat). Aber die gesellschaftliche Stellung der Frau ist vergleichsweise gut. Monogamie ist die Regel, vor ihrer Heirat kann eine Frau Liebhaber haben, sie ist die Eignerin des ehelichen Heimes und sollte sie ihren Mann verstoßen, so bleiben ihr nicht nur dieses Heim, sondern auch die Kinder.

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Wichtigster Ort im Ahaggar ist Tamanrasset, eine Oase und ein alter Karawanenstützpunkt. Die Gemeinde hat mittlerweile knapp 100.000 EinwohnerInnen[3]. Frankreich hatte 1919 eine Kamelreitereinheit hierher verlegt und in der Folge wurde das Fort Laperrine errichtet.

Noch heute ist Tamanrasset der wichtigste algerische Luftwaffenstützpunkt[4]. Als die USA sich nach einer Basis für ihre Drohnen für Sahara und Sahel umschauten, war Tamanrasset ihre erste Wahl. Doch die algerische Regierung brach diesbezügliche Verhandlungen ab, als das Thema infolge des Arabischen Frühlings zu heikel wurde und so mussten sich die USA mit einer Basis im Niger begnügen[5].

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Um kurz noch einmal auf die französischen Atomtests der 1960er Jahre zurückzukommen. Beim zweiten im Ahaggar durchgeführten Test – “Béryl“ hieß er und fand am 1. Mai 1962 statt – war es zu einem kleinen Unfall gekommen und radioaktives Material war ausgetreten. Ob es die Langzeitwirkungen dieses Unfalls waren oder andere Verstrahlungen, jedenfalls wurden 2014 im Bezirk Tamanrasset vom Verein der Opfer der Atomversuche von In Eker[7] 500 Opfer der Radioaktivität gezählt – und die Bilanz war alles andere als vollständig[8]. Eine Studie hat ergeben, dass 21,28% der Frauen im Bezirk an Brustkrebs leiden, 10,13% an Schilddrüsenkrebs[9].

Denn freilich ist die Wüste nicht menschenleer, auch wenn die von mir für meinen heutigen Artikel ausgesuchten Fotos es vielleicht so ausschauen lassen.

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Das Ahaggar hat Anfang des 20. Jahrhunderts auch für die katholische Kirche eine wichtige Rolle gespielt, hat doch Charles Eugène Vicomte de Foucauld de Pontbriand 1911 auf dem Assekrem-Plateau seine Eremitage errichtet. Am 1. Dezember 1916 war der 58-Jährige dort zu Tode gekommen, eigentlich aus Versehen, er sollte nur entführt werden, wegen Lösegeld oder um eine Zusammenarbeit mit französischen Militärs zu verhindern, doch sein Bewacher erschoss ihn, als er glaubte, dass französische Truppen nahten. Ein Märtyrer?

Jedenfalls wurde Charles de Jésus (auf Deutsch Bruder Karl von Jesus) 2005 seliggesprochen. Er hatte sich in seiner Zeit im Hoggar nicht ums Missionieren, sondern um seine eigene spirituelle Entwicklung bemüht, was ihn nicht hinderte, ein 2.000 Seiten umfassendes Wörterbuch des Tamasheq zu erstellen und Gedichte der Tuareg zu sammeln.

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Im Ahaggar gibt es Spuren sehr viel älterer Kulturen. Allerdings ist der Hauptfundort von Felszeichnungen und Felsmalereien in der südlichen algerischen Sahara das Tassili n'Ajjer-Bergmassiv nordöstlich des Hoggar[12].

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Vor 8.000 Jahren soll die Gegend schon besiedelt gewesen sein. Freilich waren die klimatischen Bedingungen damals um einiges weniger trocken.

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Nicht ganz so lange, aber trotzdem längst vergangen ist auch die Zeit Tin Hinans. Diese Tuareg-Königin lebte hier wahrscheinlich im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Sie gilt als die Ahnfrau der noblen Hoggar-Tuareg, ihre Dienerin Takamat als Ahnfrau der gewöhnlichen Tuareg. Die beiden sollen aus dem südostmarokkanischen Tafilalet ins Ahaggar gekommen sein.

Drei Töchter soll Tin Hinan gehabt haben: Tinert, die Antilope, Ahnfrau der Inemba, Tahenkot, die Gazelle, Ahnfrau der Kel Rela und Tamérouelt, die Häsin, Ahnfrau der Iboglân. Ihre Dienerin Takama ihrerseits habe zwei Töchter gehabt, die von Tin Hinan die Palmenhaine des Hoggar geschenkt bekamen, die noch heute im Besitz ihrer Nachkommen sind[15]. und Inemba, Kel Rela und Iboglân sind Sprach- o. Tuareg-Untergruppen?

Charismatisch und von unwiderstehlicher Schönheit soll Tin Hinan gewesen sein[16].

Als 1925 in Abalessa, etwa 80 km westlich von Tamanrasset, von ArchäologInnen ein auf das 4. Jahrhundert datiertes Grabmal einer Frau gefunden wurde mitsamt einem gut erhaltenen Skelett, römischen Münzen, Schmuck aus Gold und Silber und weiteren Grabbeigaben, wurde es Tin Hinan zugeordnet.

Wie die Eremitage von Charles Foucauld ist das Grab von Tin Hinan heute eine TouristInnenattraktion.

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Doch als die ArchäologInnen am Werk waren, war Tin Hinan schon ein Grabmal viel modernerer Art gesetzt worden. 1919 hatte Pierre Benoit den Roman “L’Atlantide“, also “Atlantis“ veröffentlicht, für den er den Großen Preis der Französischen Akademie erhielt. Und das Buch wurde ein Bestseller – über 1,7 Millionen Exemplare sind davon bis zum heutigen Tag verkauft worden.

Atlantis? Das war doch eine Insel, die im Meer unterging.

Doch Pierre Benoit ersetzt das von den Wellen des Meeres verschlungene Land durch die vom Wasser im Stich gelassene Wüste[18]. Zwei französische Offiziere werden zu Gefangenen der betörenden Hoggar-Königin Antinéa, die ihre Liebhaber tötet und im zentralen Raum ihres Palastes, einer Art Mausoleum, aufbewahrt. Sie stammt von Neptun ab – hier hält sich der Autor an die historische Vorlage: Neptun ist der römische Name Poseidons und der war der Ahnherr von Atlas, dem König vom Atlantis.

Inspirationsquelle für die Femme fatale im Zentrum des Romans war Tin Hinan.

Nun, nur einer der beiden Offiziere wird überleben. Doch ich erzähle Ihnen nicht die ganze Geschichte…

Antinéa-Tin Hinan wird jedoch über Pierre Benoits Bestseller hinaus wirken. 1921 – also vor 100 Jahren – kommt Jacques Feyders Verfilmung des Buches heraus. Sein 2h40 langer Stummfilm – unter demselben Titel “L’Atlantide“, also “Atlantis“, herausgekommen – wird ein Kassenschlager[19].

Der Film sprengt Rekorde. 1,8 Millionen Francs hat er gekostet, so teuer war zuvor kein französischer Film. Nach seiner Premiere wird er ein ganzes Jahr lang gezeigt. Es ist nicht das erste Mal, dass in Algerien gefilmt wurde, aber der Regisseur und sein Team haben 1920 acht Monate lang in Algerien gedreht und die oft langen Einstellungen im Freien wirken immer wieder nahezu dokumentarisch[20].

Angesiedelt sind Roman und Film explizit im Hoggar. Dort dürfte allerdings der Film-Tross nicht hingepilgert sein, gedreht wurde in Algerien an verschiedenen Orten um einiges weiter nördlich, insbesondere in der Provinz Ouargla.

Im Film spielt ein Schauspieler eine Hauptrolle – so hat es der französische Filmregisseur, Drehbuchautor, Schriftsteller, Filmkritiker und Filmtheoretiker Louis Delluc formuliert: der Sand[21].

  [22]

Tin Hinan-Antinéa[23] wirken weiter, jenseits von Jacques Feyders bahnbrechendem Stummfilm.

1932 gibt es das erste Remake. Der österreichischen Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst schafft “Die Herrin von Atlantis“ und gleichzeitig “L'Atlantide“ und gleichzeitig “The Mistress of Atlantis“. Dabei handelt es sich nicht um verschieden synchronisierte Versionen ein und desselben Films, sondern tatsächlich um drei Filme. Brigitte Helm stellt in allen dreien Antinéa dar, aber bei den beiden französischen Offiziere kommen verschiedene Schauspieler zum Zug.

Die englische Version dieses Films ist auf https://www.youtube.com/watch?v=8jTaZemt5hM zu sehen.

In der Folge werden Tin Hinan beziehungsweise Antinéa im Theater und in weiteren Kinofilmen auftreten. Für das Fernsehen wird Jean Kerchbron 1972 bei einem feministischen Remake von L’Atlantide Regie führen. Und Ende der 1980er Jahre kommt eine italienisch-spanisch-französisch-US-amerikanisch-deutsche sechsteilige Mini-Serie heraus, die im Deutschen den Titel “Das Geheimnis der Sahara“ trägt. Doch da sind wir weit entfernt vom Charme von Jacques Feyders Stummfilm.

Alles Gute zum 100. Geburtstag, L’Atlantide !

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Endnoten:

[1] Foto Smiley.toerist Februar 1981, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahaggar_Mountains_1981_50.jpg?uselang=de.

[2] Bei Tamanrasset, Foto Nassim A. Djellali 4.2.2017, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tamanrasset_Portrait_05.jpg.

[3] Die letzte Zählung scheint 2008 stattgefunden zu haben, da waren es 92.635.

[4] Das französische Wikipedia (https://fr.wikipedia.org/wiki/Tamanrasset) meint, es handle sich um den wichtigsten Luftwaffenstützpunkt des Maghreb und auch von Subsahara-Afrika. Es würde mich wundern, wenn das stimmt. Siehe sonst auch https://aviationsmilitaires.net/v3/kb/airfield/show/1290/tamanrasset.

[5] Massin Amrouni, Une base pour drones de l’US Army à 300 km des frontières algériennes! Algérie 360° 1.9.2018 um 13:25, https://www.algerie360.com/une-base-pour-drones-de-lus-army-a-300-km-des-frontieres-algeriennes/.

[6] Foto Smiley.toerist Februar 1981, zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahaggar_Mountains_1981_59.jpg?uselang=de.

[7] Association des victimes des essais nucléaires à In Eker (Aven).

[8] Africa Watch, Les victimes des essais nucléaires de Tamanrasset interpellent l’ONU. In Eker pollué pour 24.000 ans, Africa Watch 5.1.2014, aktualisiert am 1.6.2018, https://algeria-watch.org/?p=12308.

[9] Ravah Ighil, L’AVEN s’alarme des décès causés par le cancer à Tamanrasset, El Watan 30.8.2014 um 10h00, https://www.elwatan.com/edition/actualite/laven-salarme-des-deces-causes-par-le-cancer-a-tamanrasset-30-08-2014.

[10] Foto Smiley.toerist Februar 1981, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahaggar_Mountains_1981_30.jpg?uselang=de.

[11] Eremitage von Charles Foucauld auf dem Plateau von Assekrem auf 2780 Meter, 80 km von Tamanrasset entfernt, 1911 gebaut, Foto Gruban / Patrick Gruban 15.4.2006, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ermitage_Foucauld_Algeria.jpg?uselang=de.

[12] Der über 100.000 km2 große Parc culturel du Tassili ist seit 1986 Unesco-Welterbe. Siehe https://whc.unesco.org/fr/list/179/. Der französische Prähistoriker Henri Lhote (1903-91) hat sich um die Tassili-Felsbilder besonders verdient gemacht.

[13] Felsmalerei, Amazerog, Ahaggar, Foto W. Robrecht 4.4.2006, überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Ahaggar_Mountains?uselang=de#/media/File:Hoggar_peinture_rupestre1.JPG.

[14] Felsmalerei, Amazerog, Ahaggar, Foto W. Robrecht 4.4.2006, zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hoggar_peinture_rupestre2.JPG?uselang=de.

[15] Jacqueline Sorel unter Mitarbeit von Simonne Pierron, Femmes de l’ombre: Tin-Hinan, reine des Touaregs, RFI 5.9.2002, http://www1.rfi.fr/fichiers/MFI/CultureSociete/657.asp.

[16] Ich habe von ihr schon einmal kurz geschrieben in Günther Lanier, Grenzen errichten. Grenzen sprengen, Radio Afrika TV, Wien 14.10.2020, https://www.radioafrika.net/2020/10/14/grenzen-errichten-grenzen-sprengen/. Dort zeigte ich auch ein “Bild“ von ihr:


Königin Tin Hinan, Gemälde von Hocine Ziani aus 2009 oder 2007, National Museum of Fine Arts in Algier, fotografiert von Rodert, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Tin_Hinan#/media/File:2_-_La_reine_Tin_Hinan,_125x150cm,_huile_sur_toile.jpg.

[17] Modell des Tin Hinan-Grabes im Bardo-Museum in Tunis, Foto Yelles 2009, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tombeau_Tin_Hinan.jpg

[18] Ich übersetze Anne Vignaux-Laurent: “au lieu d’une terre dévorée par les eaux, choisit le désert abandonné par les eaux“, Anne Vignaux-Laurent, Antinéa (1919-1992). L’Atlantide de Feyder à Swaim, Jeune Cinéma 23.8.2016, http://www.jeunecinema.fr/spip.php?article956.

[19] Im Netz sind Teile des Film zu sehen, z.B. unter https://www.youtube.com/watch?v=dqA0BAlCZoQ und http://tomblands-fr.blogspot.com/2012/01/jacques-feyder-latlantide-1921.html.

[20] Siehe insbesondere Michel Marie, Un lupanar oriental aux confins du désert. L'Atlantide dans la production cinématographique française des années 20, in: 1895, Revue d'histoire du cinéma, Sonderausgabe, 1998. Jacques Feyder, pp. 59-66, https://www.persee.fr/doc/1895_0769-0959_1998_hos_1_1_1316.

[21] Ebd. p.61.

[22] Das von Manuel Orazi entworfene Filmplakat in seiner italienischen Version, 1921, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Manuel_Orazi_-_L%27Atlantide.jpg?uselang=fr.

[23] Zu Antinéa siehe auch Jean Bernard Evoung Fouda, Antinéa, métaphore africaine de la littérature coloniale? vom September 2017, herunterladbar auf http://mdr.misuratau.edu.ly/handle/123456789/711.