Frauen in Machtnähe

Günther Lanier, Ouagadougou, 5.5.2021

Mit besonderem Dank an Prof. Dr. André Coulibaly[1]

Am 29. April ist in Johannesburg Mantfombi Dlamini gestorben. Erst im März war sie nach dem Tod ihres Mannes, des Zulu-Königs Goodwill Zwelithini, zur Regentin ernannt worden. Für die Allgemeinheit war es ein Schock – die Bilder, die von ihr in Umlauf waren[2], zeigten eine Frau in ihren besten Jahren, voller Energie und Lebenslust.

Ihr Sohn Misuzulu Zulu gilt als Hauptanwärter auf den Thron. Da seine Nachfolge allerdings nicht unumstritten ist, hätte der Tod Mantfombi Dlaminis anderswo den Verdacht erregt, sie wäre aus dem Weg geräumt, wäre vergiftet worden. Aus dem Palast hieß es jedoch, sie wäre schon lange krank gewesen, hätte eigentlich operiert werden sollen, war aber zu schwach dafür, nachdem sie Covid überstanden hatte[3].

Mantfombi Dlamini war die Tochter des Königs von Swaziland Sobhuza II und somit auch die Schwester des dort leider noch immer herrschenden Mswati III.

Ihre Urgroßmutter Labotsibeni Mdluli war in Swaziland Anfang des 20. Jahrhunderts 21 Jahre lang Regentin gewesen – ihr Enkel Sobhuza II war im Alter von nicht einmal einem Jahr zum König ernannt worden. Diese 21 Jahre hat sie offenbar gut genutzt, zum Wohl des Landes und auch zur Vorbereitung ihres Enkels auf die Herrschaft. Als sie am 22. Dezember 1921 schließlich die Macht übergab, betont sie in ihrer feierlichen Rede, dass sie “nie auch nur ein einziges Recht des Volkes verkauft habe. Ich habe nie irgendein Stück Land oder auch nur einen einzigen ihrer Menschen preisgegeben. Ich stehe vor Ihnen mit sauberen Händen. Meine Bücher stehen Ihnen zur Überprüfung zur Verfügung.“[4]

Jacob Zuma u.v.a.m.: So gilt es mit anvertrauter Macht umzugehen!

Regentinnen wird die Macht nur “geborgt“. Sie haben sozusagen kein Recht auf sie. Macht gehört generell und nahezu weltweit Männern. Die Frauen müssen sich schließlich um die Kinder und die Küche kümmern. Aber freilich gibt es Ausnahmen, wie uns das seit Jahren in Deutschland vorexerziert[5] wird.

“An der Macht“ ist in Afrika derzeit nur eine einzige Frau: Samia Suluhu Hassan in Tansania. Sie ist aufgerückt, nachdem John Magufuli am Coronavirus gestorben ist (jedenfalls schaut alles danach aus, auch wenn die Regierung es nicht bestätigt hat), den er so lange geleugnet hatte. Seit sie die Macht übernommen hat, hat sie positive Signale ausgesandt, in Sachen Covid ebenso wie z.B. die Freiheit der Medien betreffend. Noch ist es zu früh, um beurteilen zu können, wie sehr sie sich von ihrem charismatischen, mit der Opposition aber sehr brutal verfahrenden Vorgänger wird absetzen können[6]. Und ob sie sich parteiintern für die nächsten Wahlen als Kandidatin durchsetzen wird können.

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Unter den Top-Stories von The Conversation waren gestern zwei, die sich mit Frauen & Macht beschäftigten. Ein eher pessimistischer zu Nigeria und ein optimistischerer zu Kenya.

In Nigeria sind nur 7 von 109 SenatorInnen Frauen und nur 22 der 360 Mitglieder des RepräsentantInnenhauses. Angesichts der wichtigen Rolle, die Frauen unter den Igbo und den Yoruba spielten und spielen, und das sind ja zwei der drei Hauptgruppen unter den NigerianerInnen, ist das doch überraschend. Frauen werden selten gewählt, auch weil sie selten kandidieren. Dazu tragen mehrere Faktoren bei: Eine Kandidatur kostet viel und Frauen sind generell ärmer als Männer. Sie sind im Schnitt auch weniger gebildet. Und dann die Stereotype, an denen es Geschlechterrollen betreffend wirklich nicht mangelt, darunter das oben erwähnte, dass Macht Männer-Sache ist und bleibt. Was es laut der Artikel-Autorin bräuchte, um die Teilhabe von Frauen an politischer Macht zu fördern, wäre Vernetzung, Mentoring, finanzielle Unterstützung, eine positivere Haltung seitens der Medien und positive Diskriminierung (affirmative action), z.B. ein Quotensystem[8]. Und zwar eines “mit Zähnen“[9].

In Kenya steht Martha Koome kurz davor, oberste RichterIn ihres Landes zu werden. Sie hat sich unter zehn KandidatInnen als die qualifizierteste erwiesen. Die Ernennung braucht nur mehr vom Parlament bestätigt zu werden, das sollte nur eine Formsache sein. Erst im Jahr 1993 war eine erste Richterin zum High Court gestoßen und erst 2003 gelang Selbiges einer Frau am Appelationsgericht – damals der höchste Gerichtshof im Land. Wirklich in Bewegung geriet die Teilhabe der Frauen an der Justiz mit der neuen Verfassung von 2010, die das “Zwei-Drittel-Prinzip“ einführte: ein Minimum von einem Drittel für jedes Geschlecht an allen öffentlichen Institutionen. Es mangelt nicht an Herausforderungen, dazu zählt der Berg von Fällen, die sich über die Jahre angestaut haben, aber auch die tatsächliche landesweite Umsetzung des Zwei-Drittel-Prinzips.

Es ist davon auszugehen, dass der Amtsantritt Martha Koomes nicht nur auf der symbolischen Ebene Auswirkungen haben wird, ist sie doch seit langem Mitglied der Internationalen Vereinigung von Richterinnen (International Association of Women Judges), die in Kenia in Sachen Frauen-Beteiligung an der Justiz hervorragende Arbeit geleistet hat, darunter das Unterrichten, die Sensibilisierung insbesondere auch der männlichen KollegInnen in Gender-Gerechtigkeit[10].

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Unlängst habe ich zum traditionellen Mäuse-Weissagen der Mossi aus einem Buch von Dim Delobsom zitiert, dem ersten “burkinischen“ Autor[12]. Dim Delobsom wurde am Ende seines Lebens Naaba (Chef) von Sao, dem kleinen Ort nordwestlich von Ouagadougou, aus dem er stammte[13]. Lange Zeit vor ihm, wahrscheinlich im 16. Jahrhundert, war eine seiner VorfahrInnen neun Jahre lang in Sao Regentin – und das überaus erfolgreich.

Beim Tod ihres Vaters Sanir war der Thronfolger noch sehr jung. Es bestand Gefahr, dass sich einer der Brüder des Verstorbenen des Throns bemächtigen würde, das hätte kaum gutgehen können, denn sie waren untereinander tief zerstritten. Daher berief der Altenrat von Sao die ältere Schwester des Thronfolgers aus Lâ (in der Gegend von Yako, nordwestlich von Sao) zurück, wo sie verheiratet war, um die Regentschaft zu übernehmen. Und dabei erwies sie sich als überaus kompetent, umgab sich mit klugen RatgeberInnen und regierte im Interesse der Bevölkerung.

Ihre männlichen Konkurrenten um die Macht, die sehnsüchtig auf Fehler ihrerseits warteten, um sie loszuwerden, sollen jedes Mal, wenn sie sich über sie unterhalten haben, gesagt haben: “Ad yaa yela“ – in etwa: “Es ist ja wirklich ärgerlich“ oder “Das ist tatsächlich ein Problem“[14]. Und dieser Name blieb ihr: Yela, das Problem.

Als sie, nachdem ihr kleiner Bruder alt genug war, die Herrschaft anzutreten, zu ihrem Mann in Lâ zurückkehren wollte, fand der aber, dass er angesichts ihres Temperaments und der Persönlichkeit, die sie inzwischen entwickelt hatte, nicht mehr fähig sei, ihr Ehegatte zu sein. Eine Frau, die über Männer geboten hat, kann und soll sich nicht von einem Mann allein gebieten lassen. So richtete sie sich in Sao auf Dauer ein. Die Bevölkerung von Sao war’s freilich mehr als zufrieden, diese weise Frau weiter an ihrer Seite zu wissen. Hoffen wir, dass auch sie ihre Unabhängigkeit genossen hat[15].

Eine außergewöhnliche Frau war und ist also ein Problem für die Männer, aber ein Segen fürs Volk. Daran ließe sich schön weiterspinnen…

Als ich mein Buch über die Frauen Burkinas[16] schrieb, habe ich für die Zeit vor der Unabhängigkeit nur drei Frauen gefunden, die von mehr als lokaler Bedeutung waren: Yennenga, Guimbé Ouattara (auch: Guimbi Ouattara) und Macoucou Traoré, verheiratete Célestine Ouezzin-Coulibaly.

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Bei der ersten unter ihnen handelt es sich um die Stammmutter der Mossi.

Dass die Mossi einen Ahnfrau haben, ist eigentlich überraschend, handelt es sich doch um eine sehr patriarchale Gesellschaft, die wenig Respekt hat vor Frauen, es sei denn, sie unterwerfen sich bedingungslos. Yennenga war freilich eine Ausnahmefrau, schon einmal, weil sie eine Königstochter im heutigen Nord-Ghana war und ihr Vater keine Söhne zeugte. So durfte sie, was sonst nur Männer dürfen: auf ein Pferd steigen und Krieg führen. Und das machte sie so gut, dass ihr Vater sie zur Chefin der Kavallerie machte. Doch der Vater erwies sich als zu possessiv, wies alle Heiratsanträge ab. So sattelte sie eines Tages ihr Lieblingspferd, einen weißen Hengst, und ritt auf und davon. Ihre Flucht endete bei Rialé, einem einsamen Jäger, auch er Prinz.

Dann gebiert sie einen Sohn. Und damit endet ihre Geschichte. Sie hat ihre Schuldigkeit getan, hat den ersten Mossi-König in die Welt gesetzt – Ouédraogo wird er genannt (noch heute der häufigste Mossi-Name) zu Ehren von Yennengas weißem Hengst. Sie aber verschwindet vom Bildschirm, kümmert sich wohl um den Haushalt Rialés, wird zu einer normalen Mossi-Frau, ihre kämpferischen Fähigkeiten darben, ihre kriegerischen Großtaten sind eine Sache der Vergangenheit.

Ungewöhnlich bleibt, dass gerade die Herrscher der Mossi, bei denen Kinder sonst zu 100% dem Vater gehören, ihren Ursprung matrilinear, also über die Mutter herleiten. Denn Rialé bleibt ein Niemand, ist ohne Bedeutung.

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Auch Guimbé Ouattara war eine Prinzessin. Anders als Yennenga bewohnt sie nicht eine Legende, sondern ist fest in der historischen Wirklichkeit verankert. Im Westen des heutigen Burkina spielte sie in der Zeit vor der kolonialen Eroberung eine zentrale Rolle. 1836 geboren, war sie die älteste Tochter Diori Ouattaras, des Königs von Gwiriko, dem im Niedergang befindlichen “burkinischen“ Teil des Dioula-Reiches von Kong. Das 19. Jahrhundert war in dieser Weltgegend ein fluides, vielzentriges Gebiet von “Kriegshäusern“[19], wo Kriegsherren Landwirtschaft, Handel und das Kriegshandwerk verbanden, um Reichtum anzuhäufen. Eines dieser Kriegshäuser führte Guimbé Ouattara. Das war freilich überaus ungewöhnlich. Als einer dieser Kriegsherren, Tiefo Amoro, sie nicht als Gleichberechtigte anerkennen, sie aus dem hehren Männerkreis ausschließen wollte, konnte sie die Oberhand behalten – der Ausgeschlossene war letztlich er.

Waise seit dem zarten Alter von drei Jahren, wurde Guimbé Ouattara mit 15 verheiratet – ihr Mann überlebte glücklicherweise nicht lange: Das Zeichen seiner Brutalität, eine Narbe auf der Stirn, trug sie bis ans Lebensende. Sie kehrte nach Bobo-Dioulasso, ins Koko-Viertel, zurück, war dort so etwas wie die lokale Ouattara-Vertreterin, ihre Spionin und Beraterin. Sie heiratete in der Folge noch zwei Mal, diese beiden Männer ließen ihr jedoch ihre Unabhängigkeit.

Als 1888 Kapitän Louis-Gustave Binger nach Bobo kam – er reiste in Pariser Auftrag, sollte er einheimische Herrscher (und insbesondere den in Ouagadougou) dazu bringen, sich freiwillig der französischen Herrschaft zu unterwerfen –, da war es Guimbé Ouattara, die ihn aufnahm und so gut versorgte, dass er sie weiterempfahl. So hat sie auch François Crozat und Parfait-Louis Monteil, zwei weiteren “Vertragsjägern“, Kost und Logis und wohl auch Rat geboten, als sie durch Bobo kamen.

1897 stand dann Samory Touré vor den “Toren“ Bobos – als Feind, denn er glaubte, dass Gegner von ihm in Bobo Unterschlupf gefunden hatten. Noch heute ist der Ruf Samory Tourés in der Gegend furchtbar – dass er wie kein anderer der französischen Eroberung Widerstand leistete, wird ihm keineswegs hoch angerechnet. Er muss Angst und Schrecken verbreitet haben. Jedenfalls war Guimbé – in Begleitung des Imams von Bobo, ein gewisser Sagédi Traoré – die einzige, die es wagte, Samory zu begegnen. Und es gelang ihr, ihn von der Unschuld Bobos zu überzeugen, die Stadt wurde nicht dem Erdboden gleichgemacht.

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Ungefähr 1914 wurde Macoucou Traoré geboren. Sie war die Tochter des Chefs von Sindou im äußersten Westen des heutigen Burkina. 21 Frauen hat der gehabt, 39 Kinder, Kantonschef war er, also hoch oben in der kolonialen Hierarchie. Nach der Volksschule lernte Macoucou Krankenschwester – mehr war damals nicht möglich für eine “Eingeborene“. 1930 heiratete sie den Lehrer Daniel Ouezzin Coulibaly, trat ein Jahr später gemeinsam mit ihm zum katholischen Glauben über, wurde auf “Célestine“ getauft.

An der Seite Houphouët-Boignys[21] engagierten sich die beiden in der Politik, im 1946 gegründeten Demokratischen Afrikanischen Zusammenschluss (Rassemblement démocratique africain/RDA) – zunächst in der Côte d’Ivoire, zu der der Großteil Obervoltas (wie Burkina bis 1984 hieß) von 1933 bis 1947 gehörte, und in den 1950er Jahren dann im voltaischen RDA-Ableger.

Macoucou war die Frauenverantwortliche im RDA, zuerst für die Côte d’Ivoire, dann für Obervolta und schließlich “länder“übergreifend (der RDA war inzwischen zu einer koloniale Grenzen überschreitenden Föderation geworden, aber es handelte sich noch um Kolonien – die Unabhängigkeiten sollten erst 1960 kommen). Sie, die “Amazone des RDA“, war am 24. Dezember 1949 eine der Anführerinnen des Frauen-Protestmarschs von Abidjan nach Grand Bassam, auf den die Kolonialmacht panikartig mit großer Brutalität reagierte, der aber letztlich seine Ziele erreichte: die Befreiung der seit Februar 1949 aus politischen Gründen Inhaftierten.

In Obervolta konnte Daniel Ouezzin-Coulibaly nach schwierigen Anfängen den RDA zur dominanten politischen Kraft machen. Am 17. Mai 1957 wurde er unter dem französischen Gouverneur Vizepräsident des Regierungsrates (Vice-président du Conseil de Gouvernement) Obervoltas, de facto war er damit voltaischer Regierungschef. Die Unabhängigkeit war in Sichtweite. Célestine stand knapp davor, die erste First Lady des Landes zu werden.

Nur leider starb ihr Mann am 7. September 1958. Mit ziemlicher Sicherheit wurde er vergiftet. Wir wissen nicht, von wem. Wer am meisten von seinem Tod profitierte, war die vorige Nummer 2 der Regierung, Maurice Yaméogo, der aufrückte. Sechs Wochen nach dem Tod ihres Mannes ernannte Maurice Yaméogo Célestine Ouezzin Coulibaly zur Ministerin für Soziales, Wohnen und Arbeit. Sie wurde dadurch zur ersten – und lange Zeit einzigen – Ministerin Obervoltas. Von 1959 bis 1961 repräsentierte sie ihr Land im Senat der französischen Gemeinschaft (Communauté française) und von 1959 bis 1965 war sie die erste Parlamentsabgeordnete Obervoltas.

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Dann verschwindet sie, scheinbar spurlos. Das einzige, was ich bei meinen Recherchen für das Buch über die burkinischen Frauen herausfinden konnte, war, dass sie 1997 über 80-jährig starb.

Die 32 Jahre von 1965 bis 1997 blieben leer. Was konnte da passiert sein? Warum hat sie sich von der großen Bühne zurückgezogen? Und wie kann es sein, dass sich Burkina für diese in vieler Hinsicht Vorläuferin und Pionierin nicht schon längst interessiert hatte? Warum gibt es keine Biographien? Es schien mir unvorstellbar, dass ein derartiger Schatz an politischem und historischem Wissen einfach verloren gehen konnte.

Es ließ mir keine Ruhe.

Einen ersten halben Erfolg hatte ich, als ich meiner Zahnärztin davon erzählte. Die Schwester einer Freundin von ihr war eine Schwiegertochter Célestine Ouezzin Coulibalys. Die Ehe sei unschön in Brüche gegangen, so würde die Schwiegertochter selbst wohl nicht Auskunft geben wollen. Aber ihre Schwester konnte mir ein paar Dinge erzählen. Sie war einmal in Abidjan in der Familie Coulibaly zu Besuch gewesen, hatte die Schwiegermutter selbst kennengelernt und war sehr beeindruckt von ihr, obwohl es ihr damals gesundheitlich nicht gerade blendend ging. Dass sie sich aus der Politik so gänzlich zurückgezogen habe, liege an dem, was ihrem Mann angetan worden war – unmittelbar danach hatte sie den Rückzug nicht gewagt, da hatte sie Angst um ihre teils noch kleinen Kinder, dass auch denen etwas geschehen könnte. Sobald sie diese in Sicherheit glaubte, machte sie sich politisch aus dem Staub.

Gleichzeitig lebte sie in Abidjan jedoch nicht zurückgezogen. Sie erhielt viel Besuch. Viele suchten ihren Rat. Ich nehme an, dass auch viele VoltaerInnen, später Burkinabè darunter waren, die sie an ihrem Wissen partizipieren ließ.

Und dann war da der Professor Dr. André Coulibaly. Von ihm hatte ich einige Spuren im Netz gefunden – er war immer wieder interviewt worden, in erster Linie zu seinem Vater. Seine Klinik in Bobo-Dioulasso hatte er jedoch nach seiner Mutter benannt: CEMMATRA bedeutet Centre Médical Macoucou Traoré, also medizinisches Zentrum Macoucou Traoré. Unter der Telefonnummer, die ich im Netz fand, hob niemand ab. Dann kam ich Ende Oktober 2020 wieder nach Bobo[23]. Und am Vormittag nach meiner Ankunft zog ich los. Und hatte die Klinik bald gefunden, sie befindet sich am östlichen Rand des Zentrums, nicht weit von der berühmten Moschee von Bobo. Leider war sie ganz offensichtlich aber nicht mehr in Betrieb. Ich hörte mich in der Umgebung um. Und da saßen ein paar Männer und tranken Tee und einer von ihnen sagte mir, ja, der alte Professor sei im Ausland, in Frankreich bei einem Sohn (kurz zuvor hatte ich gehört, er sei in der Côte d’Ivoire bei einem Sohn), aber einer, der ihn gut kenne, komme hier regelmäßig vorbei – ich solle doch meine Telefonnummer hinterlegen, er würde sie ihm weiterreichen.

Das tat ich umgehend. Und wartete sehnsüchtig auf den Anruf des Professoren-Freundes oder -Bekannten – ich hatte gehofft, er würde anrufen, wenn ich noch in Bobo sein würde. Doch nichts. Unverrichteter Dinge kehrte ich also nach Ouagadougou zurück.

Um Mitte Dezember herum rief dann eines Tages ein Professor Coulibaly an, mit einer jugendlichen, dynamischen Stimme, auf 50 oder höchstens 60 hätte ich sie geschätzt. Doch es war der Macoucou-Sohn. 83 Jahre alt. Und er wirkt auch in seiner physischen Realität um mindestens 20 Jahre jünger als er tatsächlich ist.

Ich erklärte ihm kurz, was ich wollte, warum ich ihn gesucht hatte. Er war offen und hilfsbereit. Wir würden uns in Bobo zwar auch bei meinem nächsten Aufenthalt verpassen – genau zum Datum meines knapp zweiwöchigen Dortseins würde er nach Abidjan fahren –, aber er würde in Abidjan Material zusammensuchen und es mir per Post zukommen lassen. Ich wagte meinem Glück fast nicht zu trauen.

Letztlich hat er das Material dann nicht geschickt, sondern hat mich bei seinem Ouagadougou-Aufenthalt im Jänner angerufen und es mir selbst überreicht – es waren vor allem Fotos. Wir trafen uns in einem Restaurant bei mir in der Nähe – der Mittelsmann aus Bobo, Mamadou Dera, war auch dabei. Es war ein kurzes, aber überaus interessantes und herzliches Treffen.

Was das politische und feministische Denken von André Coulibalys Mutter betrifft, bin ich nicht viel weitergekommen. Sein Kontakt mit ihr war von ganz anderer Art. Lange Jahre verbrachte er Medizin studierend im Ausland. Und auch sonst war das freilich nicht der Fokus ihrer Beziehung.

Doch er hat mir eine Fährte verraten. Leider muss ich in die Côte d’Ivoire, um sie weiterzuverfolgen. Und die betreffende Person ist mittlerweile in den höchsten politischen Sphären angekommen – ich schätze zwar, dass ich sie treffen kann, aber ob sie Zeit haben wird für mein Anliegen?

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Nochmals ganz herzlichen Dank, Prof. Dr. André Coulibaly!

* * *

Endnoten:

[1] Der Sohn Macoucou Traorés, verheiratete Célestine Ouezzin Coulibaly, hat mir Fotos von seiner Mutter aus dem Familienbestand zur Verfügung gestellt, darunter das dem Artikel vorangestellte mit Golda Meir (FotografIn und Datum sind mir unbekannt). Zugeschnitten und überarbeitet von GL. Zu ihr und auch ihrem Sohn siehe weiter unten.

[2] Siehe z.B. BBC, Zulu Queen Mantfombi Dlamini dies a month after becoming regent, BBC Africa 29.4.2021, https://www.bbc.com/news/world-africa-56934753.

[3] Die Erklärung stammt von Zulu-Premierminister Mangosuthu Buthelezi. Die Regentin hätte Leber-Probleme gehabt. Siehe Nokwanda Ncwane, Queen Mantfombi Dlamini-Zulu: ‘Regent died of a long-term illness’, The South African 30.4.2021, https://www.thesouthafrican.com/news/queen-mantfombi-dlamini-zulu-regent-died-of-a-long-term-illness-cause-of-death/.

[4] Die von Josiah Vilakati ins Englische übersetzte Rede ist abgedruckt im Kapitel “Queen Regent Labotsibeni, Address to the Resident Commissioner, 1921”, mit einer Einleitung von Ackson M. Kanduza auf pp.171-173 von M.J. Daymond, Dorothy Driver, Sheila Meintjes, Leloba Molema, Chiedza Musengezi, Margie Orford, Nobantu Rasebotsa (ed.), Women Writing Africa. The Southern Region. TheWomen Writing Africa Project, Volume 1, New York (The Feminist Press at the City University of New York) 2003. Übersetzung GL.

[5] Dieses Wort ist kein Zufall – es geht immer militärischer zu in Berlin und Brüssel und in der Satten Welt.

[6] Im De facto-Einparteien-Staat Tansania ist zudem der Spielraum für PräsidentInnen wesentlich beschränkter, als es generell dargestellt wird, argumentieren Nic Cheeseman und Alitalali Amani in ihrem Artikel The roots of repression and the prospects for democracy in Tanzania, The Conversation 20.4.2021, https://theconversation.com/the-roots-of-repression-and-the-prospects-for-democracy-in-tanzania-159052.

[7] Macoucou Traoré, verheiratete Célestine Ouezzin Coulibaly, mit Charles de Gaulle, aus dem Coulibaly-Familienbestand. FotografIn und Datum unbekannt. Überarbeitet GL.

[8] Wenn auch das Ausmaß der Unter-Repräsentanz von Frauen in Nigeria extrem ist, so sind Analyse und Vorschläge vielerorts und sicher nicht nur in Afrika anwendbar. Damilola Agbalajobi, Nigeria has few women in politics: here’s why, and what to do about it, The Conversation 3.5.2021, https://theconversation.com/nigeria-has-few-women-in-politics-heres-why-and-what-to-do-about-it-159578.

[9] Siehe dazu Günther Lanier, Erfolg qua Quote? In der senegalesischen Politik sind die Frauen auf dem Vormarsch, Radio Afrika TV 20.6.2018, http://www.radioafrika.net/2018/06/20/erfolg-qua-quote/.

[10] Author Martha Gayoya, Kenya has its first female chief justice: why this matters, The Conversation 3.5.2021, https://theconversation.com/kenya-has-its-first-female-chief-justice-why-this-matters-160108.

[11] Macoucou Traoré, verheiratete Célestine Ouezzin Coulibaly, mit Houphouët-Boigny. Aus dem Coulibaly-Familienbestand. FotografIn und Datum unbekannt. Überarbeitet GL.

[12] Günther Lanier, Mäuse zum Wahrsagen, Radio Afrika TV 7.4.2021, https://www.radioafrika.net/mause-zum-wahrsagen/ bzw. vollständig auf https://www.africalibre.net/lang/deutsch/startseite.php.

[13] Er war der älteste Sohn des Sao Naabas. Die Naaba-Würde konnte er nur kurz genießen – am 21.4.1940 war er als Sao Naaba inthronisiert worden. Drei Monate später starb er, 43-jährig, höchstwahrscheinlich vergiftet, wir wissen nicht, von wem.

[14] Ich folge der Schreibweise Titinga Paceres, der diese Geschichte in seinem Buch über Dim Delobsom (er schreibt ihn Dolobsom) erzählt. Im offiziellen Mooré-Wörterbuch wird das Problem “yelle“ geschrieben und “ya“ nicht mit zwei “a“. Maître Titinga Frédéric Pacere, Dim-Dolobsom. L’homme et l’œuvre, Ouagadougou 1989, pp.20f.

[15] Titinga Pacere vermutet, dass nicht. Generell zählt eine Frau ohne Ehemann unter den Mossi nichts oder nicht viel – sie wird weiter als Mädchen bezeichnet und behandelt.

[16] Günther Lanier, Au pays des femmes intègres (Im Land der integren Frauen), Ouagadougou (CEPRODIF) 2020. Es handelt sich um eine beträchtlich erweiterte Version des Kapitels 8 “Frauen im burkinischen Patriarchat. Ein Überblick“, pp.346-393 in meinem deutschen Burkina-Buch: Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017.

[17] Prinzessin Yennenga auf ihrem Hengst (ouédraogo) auf dem Generalpass der Fespaco 2017.

[18] Porträt Guimbé Ouattaras in ihrem Mausoleum in Bobo-Dioulasso, Foto GL 18.10.2018. Original färbig.

[19] Der Theoretiker dieser “Kriegshäuser“ ist Mahir Saul. Siehe Mahir Saul, The War Houses of the Watara in West Africa, The International Journal of African Historical Studies vol. 31 no.3 de janvier 1998, pp. 537-570, https://www.researchgate.net/publication/271154367_The_War_Houses_of_the_Watara_in_West_Africa.

[20] Macoucou Traoré, verheiratete Célestine Ouezzin Coulibaly, mit ihrem Mann Daniel Ouezzin Coulibaly. Aus dem Coulibaly-Familienbestand. FotografIn und Datum unbekannt. Überarbeitet GL.

[21] Auf dem folgenden Foto wird Macoucou von Houphouët-Boigny mit einem Orden bedacht:

Aus dem Coulibaly-Familienbestand. FotografIn und Datum unbekannt. Überarbeitet GL.

[22] Célestine Ouezzin-Coulibaly, © Sénat, https://www.senat.fr/senateur-communaute/ouezzin_coulibaly_celestine0011sc.html.

[23] Siehe Günther Lanier, Unterwegs in einem Sahel jenseits des Gewohnten. Koro. Dafra. Kou, Radio Afrika TV, 4.11.2020, https://www.radioafrika.net/2020/11/04/unterwegs-in-einem-sahel-jenseits-des-gewohnten-koro-dafra-kou/.

[24] Detail aus dem oben schon verwendeten Foto von Macoucou Traoré/Célestine Ouezzin Coulibaly mit Houphouët-Boigny. Aus dem Coulibaly-Familienbestand. FotografIn und Datum unbekannt. Überarbeitet GL.