Wo es keine Perspektive gibt. Boko Haram oder das Versagen des Anti-Terror-Kampfes

Günther Lanier, Ouagadougou, 15.3.2021

(dieser Artikel wurde erstveröffentlicht in International – Im Fokus 03/2021 am 16. April 2021; auch herunterladbar unter https://international.or.at/wp-content/uploads/2021/04/ImFokus_3_2021-end.pdf)
(seit dem Verfassen des Artikels Mitte März hat es weitere Kidnappings gegeben, zuletzt an einer Uni und in einem Spital und es wurden auch weitere Boko Haram-Angriffe verzeichnet; was der Tod von Idriss Déby Itno[1] für den Anti-Terror-Kampf für Auswirkungen haben wird, ist noch nicht absehbar)


Tanz der Frauen des Shehu, des weltlichen und geistlichen Herrschers von Borno, 1910 oder 1911[2]

Wir sollten vielleicht vom hohen Ross unserer schnellen Urteile heruntersteigen, sollten beginnen, von Terrorismus und Islamismus zu lernen. Ein genaues Hinschauen[3] könnte uns eine Diagnose der betroffenen Gesellschaften liefern, wie sie praktischer kaum ausfallen kann. Nur wo Gemeinschaften krank sind, nur wo ihre Mitglieder über Gebühr leiden, kann ein Projekt Wurzel schlagen und gedeihen, das sich gezielt der Übergriffe und der Grausamkeiten – des Terrors – bedient. Islamistische oder Terror-Gruppen inszenieren Widerstand gegen ein übermächtiges, ein fremdes und entfremdendes System der Herrschaft und Ausbeutung. Ohne auch nur im mindesten ihre Methoden gutzuheißen, sollten wir ernstnehmen, was sie an Gesellschaftskritik mit teils erschreckendem Erfolg vorleben.

Endgültige weltweite Berühmtheit erlangte Boko Haram mit der Entführung von 276 Schülerinnen im April 2014 aus einer Sekundarschule in Chibok, im nordöstlichen nigerianischen Bundesstaat Borno[4]. Laut Unicef sind 174 der Chibok-Mädchen bis zum heutigen Tag abgängig[5]. Im Februar 2018 ließ Boko Haram die Entführung von 110 Schülerinnen aus einem College in Dapchi im benachbarten Yobe State folgen[6]. Fünf der Mädchen kamen noch am selben Tag um, die restlichen wurden im März 2018 freigelassen, nur Leah Sharibu nicht, denn sie weigerte sich beharrlich, zum Islam überzutreten. Die Eltern der Freigelassenen wurden gewarnt, die Mädchen ja nicht wieder einzuschulen.

Boko Haram stammt aus dem Bundesstaat Borno und beschränkte seine Attacken zumeist auf den Nordosten Nigerias[7], seit 2013 sind kamerunische, nigrische und tschadische Gebiete rund um den Tschad-See dazugekommen. In den vergangenen Monaten hat eine Reihe von Entführungen aus Schulen in Nordwest-Nigeria stattgefunden. Zumindest für die erste davon hat Boko Haram die Urheberschaft beansprucht[8]. Stehen wir am Anfang einer neuen Phase der Expansion der jedenfalls zu Unrecht totgesagten Terrorgruppe?

 [9]

11. Dezember 2020: Entführung von über 300 Schülern einer Schule in Kankara, Katsina State;
19. Dezember 2020: Entführung von über 80 SchülerInnen einer islamischen Schule in Mahuta, einem Dorf in Katsina State;
25. Jänner 2021: Bewaffnete entführen 7 Kinder aus einem Waisenhaus in der Hauptstadt Abuja;
17. Februar 2021: Entführung von 27 SchülerInnen, 12 Verwandten und 3 LehrerInnen aus Kagara in Niger State, 1 toter Schüler;
26. Februar 2021: Entführung von 279 Schülerinnen in Jangebe, Zamfara State;
11. März 2021: Entführung von 39 SchülerInnen (vor allem Mädchen) aus einem forstwirtschaftlichen College in Kaduna, Kaduna State;
15. März 2021: Entführung von 3 LehrerInnen aus einer Volksschule in Rama, Kaduna State[10].

Bis auf die 39 am 11. März aus dem forstwirtschaftlichen College Entführten, waren alle anderen der aufgelisteten SchülerInnen Mitte März wieder frei. Das Kidnappen[11] von Schulkindern bringt große mediale Aufmerksamkeit, oft sogar international. Zudem ist es einträglich, werden doch gegenteiligen Beteuerungen staatlicher Autoritäten zum Trotz erhebliche Lösegelder[12] gezahlt[13].

Im riesigen Nigeria – 923.768 km² und 2020 eine auf 206 Millionen geschätzte Bevölkerung – geht es teilweise sehr brutal zu. Laut dem Institute for Economics and Peace (IEP)[14], das die sehr detaillierte Global Terrorism Database (GTD)[15] betreut, hat es in Nigeria in den letzten 45 Jahren etwas über 5.070 terroristische Vorfälle gegeben, Ursache von 26.997 Toten und 11.837 Verletzten[16]. Laut der 2020er Ausgabe des Global Terrorism Index (GTI)[17] ist Nigeria nach Afghanistan und Irak weltweit das von Terrorismus am drittmeisten betroffene Land.

 

Boko Haram hat seine erste terroristische Attacke im Juli 2009 verübt, hat in den zwei vergangenen Jahrzehnten alle anderen Terror ausübenden Organisationen in Nigeria jedoch klar in den Schatten gestellt: Ziemlich genau die Hälfte aller Vorfälle und etwa drei Viertel der Toten und Verletzten gehen auf Boko Harams Konto.

Seit 19. Februar 2013 wurden auch in Kamerun Attacken verübt, seit 6. Mai 2014 auch in Niger und seit 4. August 2014 auch in Tschad[18], in allen drei Ländern in den an Boko Harams Ursprungsgebiet angrenzenden Landstrichen, somit in der Tschad-See-Umgebung.


Der Shehu von Borno, einst weltliches und geistliches Oberhaupt des Staates[19]

Boko Haram hat nie ein Programm veröffentlicht. Welche Ziele insbesondere mittels Dschihad und Terror verfolgt werden, wurde nie verkündet. Es geht aber ganz offensichtlich um das Durchsetzen von Regeln, die sich strikt an Koran und Scharia orientieren, es geht um ein Ersetzen der postkolonialen säkularen Kultur durch eine wahrhaft islamische.

Das (Wieder)Errichten eines Kalifats, also die Herrschaft durch einen Nachfolger oder Stellvertreter des Gesandten Gottes, bleibt jedenfalls das Langfristziel. Im August 2014 wurde für die damals in Nordost-Nigeria kontrollierten Gebiete ein Kalifat ausgerufen. Kurzfristig konnte sogar die Hauptstadt von Borno State, Maiduguri, miteinbezogen werden. Doch 2015 erreichte die territoriale Ausdehnung ihren Höhepunkt und in der Folge ging Boko Haram all seiner “Staatlichkeit“ wieder verlustig – nicht viel anders, als es dem Islamischen Staat in Syrien und Irak gegangen war. Boko Haram hatte Anfang März 2015 eine Erklärung der Zugehörigkeit zum Islamischen Staat abgegeben.

Die Asymmetrie in der Auseinandersetzung mit den Herrschenden ist dem Erfolg von Guerilla- und Terrorgruppen inhärent. Der qualitative Sprung, den das Ausüben staatlicher oder pseudostaatlicher Macht erforderlich macht, kann nur schwer gelingen, bedeutet territoriale Festlegung doch, ein leichtes Ziel militärischer Angriffe zu werden. Dann kann auch eine militärische Mittel- oder Kleinmacht wie Nigeria wieder die Oberhand gewinnen.

Der Verweis auf den Islamischen Staat soll übrigens keine falschen Fährten legen. Bei Boko Haram haben wir es in hohem Maß mit einem “einheimischen“ Phänomen zu tun. Nicht, dass keine internationalen Beziehungen bestünden, aber die lokalen oder regionalen Bezüge dominieren ganz eindeutig.[20]


Borno 1810[21]

Für Boko Haram gibt es zwei wichtige historische Bezugspunkte: Das Borno- oder Borno-Kanem-Reich[22] und das Sokoto-Kalifat.

Die Kanuri[23] stellen den Großteil der Boko Haram-Mitglieder. Einst waren sie das staatstragende Volk des Borno-Reiches. Ab dem 11. Jahrhundert waren sie MuslimInnen – das halten sie sich zugute, denn es war früher als sonst wer in Nigeria. Die Kanuri siedeln bis zum heutigen Tag um den Tschad-See, hatten und haben ihren Schwerpunkt südwestlich davon, im heutigen nigerianischen Bundesstaat Borno. Weltliche und geistliche Macht waren im Borno-Reich vereint. Zu seiner Blütezeit im 16. Jahrhundert reichte es vom Land der Hausa im Westen (das spätere Sokoto-Kalifat, Nordwest-Nigeria) bis in den heutigen Tschad im Osten, das heutige Kamerun im Südosten und Niger im Norden. In Sachen Religion waren seine Schriftgelehrten und Kalligraphen so angesehen, dass sich Kopien ihrer Korane im osmanischen Reich gut verkauften[24].

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einem gewissen Niedergang, das Borno-Reich verlor die Oasen-Stadt Bilma und konnte nicht mehr direkt vom Trans-Sahara-Handel profitieren. Gleichzeitig begann unter den westafrikanischen Fulbe (auch: Peulh) eine Dschihad-Bewegung, die im Fouta Djallon (im heutigen Guinea), im Fouto Toro (Senegal), in Masina (Mali[25]) mehr oder weniger kurzlebige Reiche entstehen ließ, das größte und solideste aber im Hausa-Land (Nordwest-Nigeria): 1804 gründete Usman dan Fodio in Sokoto das Sokoto-Kalifat.

Es war die Zeit der Hausa-Sultanate, stark urbanisierter Klein-Reiche. Die wichtigsten darunter waren Gobir, Kebbi und Zamfara. Der Gelehrte und Prediger Usman dan Fodio hatte lange in Gobir gewirkt und dort eine bedeutende Gefolgschaft aufgebaut. Als Yunfa, ein einstiger Schüler von ihm, Sultan von Gobir wurde, verwies er dan Fodio seines Reiches. Der ging ins Exil nach Gudu, der Hauptstadt des Sokoto-Reiches – und seine Anhängerschaft mit ihm. Und auch von anderswo strömten ihm Leute zu, insbesondere Fulbe (Peulh). Yunfa fühlte sich bedroht und erklärte dan Fodio im Februar 1804 den Krieg. Das hätte er besser bleiben lassen. Dan Fodio wurde von seiner Gefolgschaft zum “Befehlshaber der Gläubigen“ gewählt und erklärte den Dschihad gegen die Hausa-Sultane. Seine Guerilla-Taktik und der Rückhalt in der Bevölkerung – nicht nur die Fulbe, auch andere waren der hohen Steuern müde – verschufen ihm einen entscheidenden Vorteil und 1809 konnte er schließlich Gobir einnehmen. Im selben Jahr gründete sein Sohn Muhammed Bello die Stadt Sokoto, die zur Hauptstadt des Sokoto-Kalifats wurde.

In der Folge konnte eine insbesondere auf Sklaverei und SklavInnenhandel beruhende Wirtschaft aufgebaut werden und das Reich expandierte gegen Westen, Süden und Südosten[26].

Nur das Borno-Reich im Osten leistete beharrlich Widerstand. Es war dem Aufruf dan Fodios zum Dschihad nicht gefolgt. Es wurde von seinem Nachbarn im Westen im 19. Jahrhundert dann eindeutig in den Schatten gestellt und wurde auch militärisch angegriffen, verlor seine Hauptstadt und einen Teil seines Territoriums. Eine neue, auf den Gelehrten Muhammad al-Amin al-Kanemi zurückgehende Dynastie übernahm die Macht. 1890 wurde auch der Aufruf des Mahdi[27] aus dem Sudan zum Dschihad gegen die Ungläubigen zurückgewiesen. Gestützt auf einen viele Jahrhunderte alten renommierten Islam, stand Borno auch unter der Kanemi-Dynastie für einen toleranten Islam[28]. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sowohl Sokoto als auch Borno ins britische Kolonialreich eingegliedert. Das System der indirekten Herrschaft bedeutete für Shehu und Kalif jedoch eine Fortsetzung der Herrschaftsfunktion, wenn auch nicht mehr an der Spitze der Hierarchie.

Die von Boko Haram beanspruchte doppelte Erbfolge von Borno-Reich einerseits und Sokoto-Kalifat andererseits, ist problematisch und funktioniert nur, solange wir nicht allzu genau hinschauen. Nicht nur gerieten die beiden Ahnen heftig aneinander, sie standen auch für unterschiedliche Arten des Praktizierens des Islam. Die Bezugnahme auf die beiden historischen Größen ist jedoch verständlich, paart sie doch den schnellen militärischen Erfolg des Sokoto-Dschihads und seine strenge Koran-Auslegung mit den geographischen und ethnischen Parallelen zum Borno-Reich.


Tanz der Frauen des Shehu, des weltlichen und geistlichen Herrschers von Borno, 1910er Jahre[29]

“Boko Haram“ bedeutet so etwas wie “unislamische Bildung ist (nach der Scharia) verboten“. Es handelt sich um eine Fremdbezeichnung, die international gut angekommen ist, weil sie einfach ist.

Es gab unterschiedliche Eigenbezeichnungen. Von 2009 bis 2015 war es “Jamā'at Ahl as-Sunnah lid-Da'wah wa'l-Jihād“, was soviel bedeutet wie “Gemeinschaft der AnhängerInnen der Sunna für Predigen und Dschihad“. Seit 2015 nennt sich die dominante Fraktion “Wilāyat Garb Ifrīqīyā“ – westafrikanische Provinz, der Name bezieht sich auf den Islamischen Staat, zu dem Boko Haram Anfang März 2015 seine Zugehörigkeit erklärt hat.

Mohammed Yusuf wurde 1970 im Dorf Girgir im Bundesstaat Yobe (dem westlichen Nachbarn von Borno State) geboren. Umfassend gebildet (er behauptete, nie eine moderne Schule besucht zu haben), studierte er später an der Universität Medina in Saudi-Arabien Theologie. Nach seiner Rückkehr betätigte er sich als Wanderprediger, wurde mit seiner rigoristischen, salafistischen Interpretation des Koran bekannt und entwickelte eine Anhängerschaft. Er kritisierte den Abfall – insbesondere auch der Herrschenden – von den wahren muslimischen Werten. Daran änderte sich auch nichts, nachdem zwischen 1999 und 2002 in den nördlichen nigerianischen Bundesstaaten die Scharia eingeführt wurde (in Borno im August 2000), denn sie wurde nie konsequent umgesetzt.

2002 gründete Yusuf in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, Boko Haram[30].

Trotz Mohammed Yusufs Rigorismus war das Verhältnis zu den politischen Autoritäten zunächst gut. Das lag zum einen daran, dass er nicht auf Konflikt aus war, sondern seine AnhängerInnen dazu aufrief, sich aus der korrupten und korrumpierenden Gesellschaft zurückzuziehen und eine Gemeinschaft zu schaffen, in der nach den Geboten Allahs gelebt wurde[31]. Im 2003er Wahlkampf schloss Boko Haram ein Abkommen mit dem letztlich siegreichen Kandidaten in Borno, Modu Sheriff, und unterstützte die von ihm mobilisierten Jugendbanden beim Einschüchtern der Opposition. Im Austausch dafür ernannte Scheriff nach gewonnener Wahl einen Vertrauten Yusufs zum Minister für Religionsangelegenheiten. Zu der ebenfalls versprochenen konsequenten Anwendung der Scharia kam es jedoch nicht, woraufhin Yusuf auf Distanz ging.

Im Viertel rund um die Ibn-Taimiyya-Moschee sorgten Scharia-Wächter für die Einhaltung der muslimischen Gebote. Es kam zu ersten kleinen Auseinandersetzungen mit der Polizei und Yusuf wurde zwei Mal festgenommen, nach der Intervention einflussreicher Förderer aber wieder freigelassen – die Politik wollte es sich mit der Religion nicht verderben und der charismatische Boko Haram-Chef mit seiner Anhängerschaft nicht nur, aber vor allem bei den Ärmeren stand da in der ersten Reihe.

“Zur Konfrontation mit der Staatsgewalt, die seine Gruppe in die Illegalität trieb, kam es aufgrund eines fast nichtigen Anlasses. Bei einer Verkehrskontrolle gerieten einige seiner Anhänger in Streit mit der Polizei, weil sie sich aus religiösen Gründen weigerten, Motorradhelme zu tragen. Es ist unklar, wer zuerst das Feuer eröffnete. Die Schießerei setzte jedenfalls einen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt in Gang, mit Angriffen auf Polizeistationen, Gefängnisse, Verwaltungsgebäude und Kirchen. Die Polizei versuchte Yusufs Hauptquartier zu stürmen, aber dessen Kämpfer verschanzten sich in ihrem Viertel, errichteten Straßensperren und dehnten ihre Kontrolle auf andere Teile der Stadt aus. Nach mehreren Tagen Straßenkampf und 150 Toten entsandte Nigerias Präsident Yar’Adua am 28. Juli 2009 Militäreinheiten, die in gepanzerten Fahrzeugen anrückten. Sie riegelten die Unruheviertel ab, erschossen Hunderte von Aufständischen und zerstörten Yusufs Moschee sowie sein Wohnhaus mit einem Bulldozer.“[32]

Mohammed Yusuf selbst wurde gemeinsam mit anderen Boko Haram-Führern verhaftet und in der Folge in Polizeigewahrsam exekutiert.

Wenn die Kämpfe und die brutale Intervention der Armee es noch nicht vollbracht hatten, dann war es dieses Vergehen der Sicherheitskräfte am charismatischen Führer der Bewegung, das ihn zum Märtyrer und seine Bewegung Boko Haram zu einem unversöhnlichen Gegner des nigerianischen Staates gemacht und in die blutrünstige Organisation verwandelt hat, die heute weltbekannt ist, mit den oben angeführten erschreckenden Opferzahlen.

Die folgende Karte zeigt Boko Haram 2015 am Höhepunkt seiner territorialen Ausdehnung.

Bezeichnenderweise gibt es weitreichende Ähnlichkeiten mit dem oben dargestellten Borno-Reich. Rot sind die per 7. Februar 2015 kontrollierten Gebiete dargestellt, gelb und schraffiert die Gebiete, wo es zu Boko Haram-Angriffen gekommen war.

Würden wir die Karte heute abermals zeichnen, dann würde sich das Rot auf die Rückzugsgebiete in den schwer zugänglichen Wäldern des nigerianischen Nordostens beschränken, dafür hätten sich die gelben und schraffierten Gebiete insbesondere in Niger, Kamerun und Tschad ausgeweitet.

 [33]

So hat sich Abuja 2009 mit seiner brutalen Intervention gegen Boko Haram seinen inneren Todfeind geschaffen. Es wirkt entfernt wie eine Wiederholung – im nationalen, nigerianischen Kontext freilich – von dem, was auf der Weltbühne Jahrzehnte zuvor die USA und ihr saudischer Bündnispartner mit der Finanzierung des islamistischen Terrorismus in Afghanistan vorexerziert haben: Die Stärkung von Osama bin Laden, al-Qaida und Mudschaheddin hat zwar den Abzug der sowjetischen Truppen zur Folge gehabt, der beim folgenden Zerbrechen der Sowjetunion eine wesentliche Rolle gespielt hat[34]. Doch wurde al-Qaida in der Folge zu einer weltweiten Bedrohung.

Für die USA gilt freilich, dass sie nach dem Wegfall des verteufelten Realsozialismus einen dringenden Bedarf nach einem neuen Feind, einem neuen Feindbild hatten. Diese Rolle hat der islamistische Terrorismus über lange Jahre hervorragend gespielt und Washington konnte sich als der edle Retter vor dem absolut Bösen inszenieren[35]. Dass das Vorgehen gegen Terror – oder das Behaupten eines solchen Vorgehens gegen Terror – noch die ärgsten Vergehen gegen Menschenrechte und die demokratische Grundordnung kaschieren oder rechtfertigen kann, hat inzwischen manch machtgieriges Regime entdeckt und ausgenutzt.

Was Nigeria betrifft, ist jedoch davon auszugehen, dass es ohne Boko Haram besser dran gewesen wäre. Vielleicht, dass das Militär ein Interesse daran hatte und nach wie vor hat, das Boko Haram-Gespenst an die Wand zu malen, wenn es um seine budgetäre Ausstattung geht. Doch Staat und Politik haben sich kaum Lorbeeren verdienen können im Kampf gegen die dschihadistische Bewegung aus des Landes Nordosten.

Sie war und ist einfach nicht zu greifen, scheint es.

Begeben wir uns auf eine ganz andere Ebene: die individuelle der TerroristInnen. Wir werden sehen, dass auch hier das unselige Wirken des Staates eine oft entscheidende Rolle spielt.

Warum heuert eineR als TerroristIn an?

Um diese Frage zu beantworten, hat die UNDP im Rahmen ihres Programms “Afrika: Gewaltsamem Extremismus vorbeugen“[36] über zwei Jahre unter ehemaligen Angehörigen extremistischer Gruppen (plus einer Kontrollgruppe)[37] in Nigeria, Kenia, Somalia und Sudan geforscht und auf dieser Basis eine Studie[38] erstellt, die Hintergründe und Motive des TerroristIn-Werdens oder -Nichtwerdens beleuchtet.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der Studie, ein Versuch, den typischen Werdegang von TerroristInnen darzustellen.


[39]

Was die Herkunft betrifft, so stammen TerroristInnen typischerweise aus Gebieten, die seit langem vernachlässigt worden sind, wo von politischer, sozialer und ökonomischer Marginalisierung gesprochen werden kann und wo ein genereller Zustand der “Unterentwicklung“ wenig Perspektiven bietet. Auf der rein individuellen Ebene parallel dazu wirkt ein Elternhaus, wo sich niemand um das heranwachsende Kind gekümmert hat, sich niemand für es interessiert hat, gleichzeitig aber schnell bestraft wurde. Und verstärkt wird die Prädisposition, wenn wenig Kontakte zu “Anderen“ stattgefunden haben, sowohl was andere Religionen, als auch, was andere Ethnien betrifft. Leute, die nie aus ihrem Dorf herausgekommen sind, die nie in einer Stadt waren, sind besonders anfällig.

Der (“westlichen“) Bildung gebührt im Boko Haram-Kontext erhöhte Aufmerksamkeit, sind doch Institutionen un-islamischer Erziehung eines der prioritären Ziele von Attacken. Die UNDP-Studie findet eine deutliche Korrelation zwischen Mangel an formeller Bildung und freiwilliger Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppen. Das hängt sicher mit den Zukunftsperspektiven zusammen, die Schulbesuch eröffnet, und auch mit der zusätzlichen Sozialisierung, die in der Schule quasi automatisch passiert. Dazu kommt noch ein Mindestmaß staatsbürgerlicher Werte, die während der Jahre auf der Schulbank vermittelt werden. Freilich kann andererseits aber nicht ausgeschlossen werden, dass sich jemand auch nach langen Jahren des Schulbesuchs für einen Beitritt entscheidet.

Nach den Motiven befragt, warum sie sich einer terroristischen Gruppe angeschlossen haben, geben 51% religiöse Gründe an. Die Religion befindet sich somit deutlich an erster Stelle unter den Motiven. Allerdings ist umgekehrt festzustellen, dass 49% andere als religiöse Gründe angeben, was eigentlich angesichts der hohen Bedeutung von Religion in der Ideologie dieser Gruppen überrascht. Wenig überrascht hingegen, dass Toleranz gegenüber anderen Religionen unter freiwilligen Mitgliedern selten zu finden ist.

Gründliche, also lange religiöse Erziehung korreliert negativ mit dem Beitritt zu einer terroristischen Gruppe. Wer allzu beschlagen ist in religiösen Fragen, ist wenig rekrutiergefährdet. Dazu passt, dass 57% angeben, entweder nie im Koran zu lesen oder kaum oder gar nicht zu verstehen, was sie lesen. Religionsunterricht guter Qualität immunisiert also gegen die Verlockungen des islamistischen Terrorismus.

Die schlechte materielle Lage trägt sicher wesentlich zu den Frustrationen bei, die den Nährboden für freiwillige Beitritte schaffen. Nach ihrem dringendsten Bedürfnis zum Zeitpunkt der Rekrutierung befragt, war “Beschäftigung“ die meistgewählte Antwort. Insofern ist überraschend, dass nur 42% der Interviewten regelmäßig Lohn erhielten – 35% hingegen gaben an, überhaupt nie bezahlt worden zu sein.

Dem Staat, der Regierung vertraut kaum wer. 83% sind der Ansicht, dass sich letztere nur um die Interessen einer kleinen Elite kümmert; und seinen Pflichten (Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Wasser, Strom) käme der Staat kaum nach. Was die Sicherheitskräfte betrifft, so ist das Verhältnis von Misstrauen, ja Feindschaft geprägt. Zu oft sind ZivilistInnen Opfer von Menschenrechtsverletzungen geworden. Auch politischen FührerInnen wird kaum vertraut. Im Allgemeinen werden nur traditionelle und religiöse Autoritäten respektiert und geachtet. Generell muss von einem gebrochenen Verhältnis zwischen dem Staat und seinen terrorismusgefährdeten Bürgerinnen ausgegangen werden. Man könnte von einer radikalen Entfremdung sprechen, doch hat es je Vertrauen, hat es je ein Naheverhältnis gegeben?

So haben wir uns dem Moment des Beitritts genähert, dem “Kipppunkt“. Was ist der endgültige Auslöser für diese doch sehr weitreichende Entscheidung?

In der großen Mehrheit der Fälle handelte es sich nicht um eine langsam heranreifende Entscheidung, sondern um ein traumatisches Erlebnis. 71% gaben an, dass es der Staat war, der sie zu diesem Schritt veranlasst hat, dass Familienmitglieder oder FreundInnen umgebracht wurden oder ein Familienmitglieder oder FreundInnen verhaftet wurden.


Sultan Muhammadu Sa’ad Abubakar von Sokoto, spiritueller Führer der nigerianischen MuslimInnen[40]

In der hier zusammengefassten Studie geht es um ein Verständnis der Bedingungen und Motive von TerroristInnen. Dass das UNDP-Programm “Gewaltsamem Extremismus vorbeugen“ heißt, drückt schon die zugrundeliegende Herangehensweise aus: Terrorismusbekämpfung (Counter-Terrorism/CT) tendiert zur Gewalt, zum Dreinschlagen und hat sich als ineffizient erwiesen; “Preventing Violent Extremism/PVE“ geht die Frage sehr viel holistischer an, wird zwar auch nicht ohne Waffengewalt auskommen, ist sich deren Problematik jedoch überaus bewusst und versucht, das Problem an der Wurzel zu lösen.

Eine solche Herangehensweise hat sich in der Theorie mittlerweile zwar weitgehend durchgesetzt und sogar die Generäle spicken ihre Diskurse heutzutage mit der Notwendigkeit entwicklungspolitischer Maßnahmen – in der Praxis dominiert jedoch weiterhin die militärische “Antwort“ auf den Terrorismus. Das gilt nicht nur, aber sehr wohl auch für Nigeria und Boko Haram.

Freilich ist das Vorbeugen eine langwierige Angelegenheit. Vernachlässigte Regionen und ihre BewohnerInnen in ein System einzubeziehen, dessen ökonomische Logik sie schließlich nicht grundlos ausgeschlossen hat, sie auch mitprofitieren zu lassen, bedarf großer Anstrengungen und vielleicht sogar einer grundsätzliche Umorientierung staatlicher Wirtschaftspolitik, widersprechen solche Interventionen doch den weltweit vorherrschenden neoliberalen Prinzipien.

Doch auch diesseits solch fundamentaler Eingriffe kann im Umgang mit Terrorismus nachgebessert werden. Das Zauberwort ist “Gemeinschaft“. Dort, wo der Staat versagt, wo er abwesend ist, “seine“ Bevölkerung vernachlässigt, seinen Aufgaben – insbesondere dem Sorgen für Sicherheit und Ordnung – nicht nachkommt, macht es einen großen Unterschied, wie gut die lokale Gemeinschaft funktioniert. Es braucht “community-led solutions“: Lösungen unter Führung der Gemeinschaft.

Das lässt sich an den beiden nigerianischen Bundesstaaten Bauchi und Gombe zeigen. Unmittelbare Nachbarn der von Boko Haram hauptbetroffenen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa, nicht weniger benachteiligt oder vom Zentralstaat vernachlässigt als diese, haben sie sich gegenüber terroristischen Angriffen dennoch als deutlich widerstandsfähiger erwiesen[41].

Als zentral haben sich dabei traditionelle und religiöse FührerInnen erwiesen. Ersteren verleihen ihre historischen Ursprünge eine Tiefe der Legitimität, die eine Mobilisierung der betroffenen Gemeinschaften sehr erleichtert. Zweitere sind aufgrund ihrer religiösen Expertise besonders qualifiziert, um die Fundiertheit des islamistischen Terrors zu hinterfragen. Die Ideologie ist eine unterschätzte Waffe von Terrorgruppen. Ihr Gewalt rechtfertigendes Narrativ zu dekonstruieren, ist von erheblicher Bedeutung.

Sowohl in Bauchi als auch in Gombe gibt es parallel zu den modern-staatlichen Strukturen Emirate, die sich in Bezirke, Gemeinden (wards) und Dörfer untergliedern. Die traditionellen FührerInnen sind auf ihrer jeweiligen Ebene ideal geeignet, sich um die Sicherheit zu kümmern. So wurde zum Beispiel in Yamaltu-Deba in Gombe ein Sicherheitskomitee gebildet, das von staatlicher und traditioneller Seite unterstützt wird. Ähnliche Komitees wurden in Funakaye, ebenfalls Gombe, gebildet, nachdem es in diesem Bezirk zu einer Boko Haram-Attacke gekommen war. Traditionelle FührerInnen haben dort zudem regelmäßig Treffen veranstaltet, wo die Sicherheitslage besprochen wurde und Gemeinschaftsmitglieder mit der Überwachung strategischer oder exponierter Orte beauftragt wurden.

Da die Hauptargumente islamistischer Terrorgruppen religiöser Natur sind, spielen beim Versuch, die Herzen und Köpfe der Gemeinschaftsmitglieder zu gewinnen, religiöse Autoritäten eine entscheidende Rolle, verfügen sie doch über das nötige Wissen, um zu widersprechen. Dass Boko Haram gerade solche GegnerInnen überaus ernst nimmt, zeigt insbesondere die erhebliche Zahl zwischen 2010 und 2013 in Nord-Nigeria ermordeter Geistlicher.

Dezidierte gemeinschaftsweite Ablehnung der terroristischen Version von Religion wird erleichtert durch das Wirken prominenter religiöser FührerInnen. In Bauchi hat Sheich Dahiru Usman Bauchi, ein angesehener Gelehrter der Tidschānīya (einer Sufi-Bruderschaft) Boko Haram immer wieder öffentlich kritisiert und widerlegt – mehrfache Versuche, ihn umzubringen, sind fehlgeschlagen. Auch haben religiöse Organisationen gezielt gegen Boko Haram sensibilisiert. Jama’atu Izalatu Bid’ah Wa Ikamatu Sunna (JIBWIS) und Jama’atu Nasrul Islam (JNI) sind von Gemeinde zu Gemeinde gezogen und haben im Zug einer Art Missionierung Gegen-Narrative zu jenen von Boko Haram verbreitet.

Angesichts der von Terrorgruppen praktizierten asymmetrischen Kriegsführung können sich kommunitäre Selbstverteidigungsgruppen oder traditionelle Vereinigungen von Jägern oft als effizienter erweisen als reguläre Sicherheitskräfte. Solche lokalen Selbstverteidigungsgruppen brauchen freilich klar definierte Regeln, die ihre Rechtsstaatlichkeit garantieren und die Zusammenarbeit mit den staatlichen Sicherheitskräften ermöglicht. Der große komparative Vorteil von kommunitären Selbstverteidigungsgruppen ist ihre intime Kenntnis der lokalen Verhältnisse. Ein Beispiel gelungener Zusammenarbeit mit den staatlichen Autoritäten lieferte die lokale Selbstverteidigungsgruppe Yan Banga in den Bezirken Kwami and Dukku (Gombe).


Tanz der Frauen des Shehu, des weltlichen und geistlichen Herrschers von Borno, 1910er Jahre[42]

Im Umgang mit Terror sollten Staaten Samthandschuhe anziehen und ihre Militärs meist zurückpfeifen. Ein brutales Dreinschlagen kann viel Schaden anrichten, nicht so sehr, weil es zu einer Radikalisierung der TerroristInnen führen kann wie 2009 bei Boko Haram, sondern vor allem, weil die vom Terrorismus hauptbetroffenen Gemeinschaften allzu oft kollaterale Opfer solch brutalen Vorgehens sind. Nicht wissend, ob sie sich vor den TerroristInnen oder vor den staatlichen Sicherheitskräften mehr fürchten sollen, lassen sie sich leichter von ersteren anwerben.

Aus zentralstaatlicher Sicht ginge es darum, den “Gesellschaftsvertrag“, den “Sozialkontrakt“ zu erneuern und zwar insbesondere mit den StaatsbürgerInnen in benachteiligten, oft entlegenen Gebieten. Deren Bedürfnisse gilt es zu berücksichtigen. Solange sie ignoriert werden, wird auch keine Zusammenarbeit gegen den Terror möglich sein, ja es kann durchaus rational und nachvollziehbar sein, dass sie sich auf die Seite der TerroristInnen schlagen.

* * *

Endnoten:

[1] Siehe dazu meinen vorwöchigen Artikel “Der Tschad, der Sahel, Barkhane – die Waisen Idriss Déby Itnos“.

[2] Aus Adolf Friedrich, From the Congo to the Niger and the Nile: an account of The German Central African expedition of 1910-1911, London (Duchworth) 1913, zugeschnitten und überarbeitet von GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dance_of_the_Bornu_women.jpg.

[3] Ich meine freilich nicht die spektakulären Anschläge, die – oft in großen Städten – viele Opfer fordern und es in die internationalen Medien schaffen, ich meine den Alltag dort, wo die sich des Terrorismus und Islamismus bedienenden Gruppen das Leben mitbestimmen.

[4] Insbesondere unter dem Hashtag #bringbackourgirls engagierte sich viel Prominenz für die Freilassung der Jugendlichen, bis hin zu Michelle Obama.

[5] Shola Lawal, Nigeria school abductions: Why are schoolchildren being kidnapped? BBC 19.3.2021, https://www.bbc.com/news/av/world-africa-56451260. Erst Ende Jänner 2021 hatten ein paar der Chibok-Mädchen Kämpfe nützen können, um zu fliehen. Siehe Mayeni Jones, Kidnapped Chibok schoolgirl 'has escaped' - father, BBC Africa Live 29.1.2021 um 10h09.

[6] Government Girls' Science and Technical College. Entführung 19.2.2018, Freilassung 21.3.2018.

[7] Die große Ausnahme war der Angriff auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja am 26. August 2011 mit 23 Toten und über 100 Verletzten.

[8] Das klingt aufs Erste wie ein Hirngespinst, das nur dazu dient, sich Größe anzudichten, könnte jedoch durchaus wahr sein. Vgl. u.a. Malik Samuel, Boko Haram teams up with bandits in Nigeria. The violent extremist group is actively building alliances with gangsters as part of its expansionist agenda, ISS 3.3.2021, https://issafrica.org/iss-today/boko-haram-teams-up-with-bandits-in-nigeria.

Kriminelle und aus hehren ideologischen Gründen agierende TerroristInnen sind vielleicht so grundverschieden nicht. Siehe dazu Hobsbawms Begriff des Sozialen Banditentums (z.B. Robin Hood oder Phoolan Devi). Dieser Aspekt wird kurz angerissen im Unterkapitel “Les angles morts“, pp.216f in Melchisedek Chétima, Comprendre Boko Haram à partir d’une perspective historique, locale et régionale, Canadian Journal of African Studies/Revue canadienne des études africaines, Bd.54 (2020) Nr.2, pp.215-227, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00083968.2019.1700814.

[9] United Nations Cartographic Section 1.8.2014, http://www.un.org/Depts/Cartographic/map/profile/nigeria.pdf via https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Political_map_of_Nigeria.svg.

[10] Die Liste ist aus https://www.bbc.com/news/world-africa-56404673.

[11] Vor dem Kidnappen von Schulkindern gab es schon Angriffe von Boko Haram auf Schulen, z.B. in Gujba, Yobe State, im September 2013, wo 44 Schüler umgebracht wurden. Im selben Bundesstaat kamen fünf Monate später 59 Schüler beim Angriff auf ein weiteres Internat um. Angriffe auf Schulen entsprechen der Verdammung “westlicher“ Erziehung, die ein zentrales Element der Boko Haram-Ideologie darstellt.

[12] Ein Bericht des Marktforschungsinstitutes SB Morgen Intelligence kommt zu dem Schluss, dass zwischen November 2011 und März 2020 in Nigeria Lösegelder – nicht nur für Kinder, sondern insgesamt – von mindestens 18.343.067 USD gezahlt wurden. Siehe SB Morgen, The Economics of the Kidnap Industry in Nigeria, Mai 2020, https://www.sbmintel.com/wp-content/uploads/2020/05/202005_Nigeria-Kidnap.pdf, p.9. Im Laufe des Jahrzehnts hätte sich die Zahl der Kidnappings deutlich erhöht, die gezahlten Lösegelder seien gedoch geringer geworden.

[13] Mädchen können zudem sexuell ausgebeutet werden. Kinder sind auch für Selbstmordattentate besonders geeignet, erregen sie doch weniger leicht Verdacht. Zur bedeutenden Rolle von Kindern im nigerianischen Terrorismus siehe Hakeem Onapajo, Why children are prime targets of armed groups in northern Nigeria, The Conversation 15.3.2021, https://theconversation.com/why-children-are-prime-targets-of-armed-groups-in-northern-nigeria-156314.

[14] Ein in Sydney ansässiger Think Tank. Homepage: https://www.economicsandpeace.org.

[15] Siehe https://gtd.terrorismdata.com/. Die Daten sind auf https://gtd.terrorismdata.com/files/ als Excel-Dateien herunterladbar. Die beiden folgenden Grafiken habe ich auf Basis der Daten aus dieser Datenbank erstellt.

[16] Die Zahlen gelten für Anfang 1976 bis Ende 2019, darüber hinaus sind derzeit noch keine Daten verfügbar. Die Angaben müssen als Mindestwerte gelesen werden – nur belegte und sicher zurechenbare Vorfälle werden gezählt.

[17] Institute for Economics & Peace, Global Terrorism Index 2020. Measuring the Impact of Terrorism, Sydney Nov.2020, herunterladbar auf https://www.economicsandpeace.org/?s=Global+Terrorism+index. Die Übersichtstabelle befindet sich auf den Seiten 8f. Von den afrikanischen Staaten finden wir Somalia auf Platz 5, Kongo-Kinshasa auf Platz 9, Mali 11, Burkina 12. Vorreiter der Satten Welt sind die USA auf Platz 29, Deutschland befindet sich auf Platz 48, Österreich auf 91, die Schweiz auf 113. 163 Länder wurden gereiht.

[18] Der Vollständigkeit halber seien auch ein Anschlag in Burkina Faso (23.8.2015, 1 tote und 1 verwundete Person) und einer in Mali (9.1.2017, null Tote, null Verletzte) erwähnt.

[19] Olive MacLeod, Chiefs and cities of Central Africa, across Lake Chad by way of British, French, and German territories, Edinburgh (W. Blackwood and sons) 1912, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chiefs_and_cities_of_Central_Africa,_across_Lake_Chad_by_way_of_British,_French,_and_German_territories_(1912)_(20417540788).jpg

[20] Siehe dazu vor allem Melchisedek Chétima, Comprendre Boko Haram à partir d’une perspective historique, locale et régionale, Canadian Journal of African Studies/Revue canadienne des études africaines, Bd.54 (2020) Nr.2, pp.215-227, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00083968.2019.1700814, insbesondere das Unterkapitel “Local ou global?“, pp.219-223.

[21] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Borno_(1810).svg.

[22] Ich vereinheitliche die beiden Schreibweisen Bornu und Borno, erstere wird vor allem für das historische Bornu-Reich verwendet, zweitere für den heutigen nigerianischen Bundesstaat Borno.

[23] Ihre Sprache gehört dem saharanischen Zweig der nilosaharischen Sprachen an. Der berühmteste Schwarze der österreichischen Geschichte war ein Kanuri: Angelo Soliman, 1721-96, war nach eigenen Angaben ein Magumi, die zu den Kanuri gehören.

[25] Abgesehen vom Massina-Reich umfasste das Segu-Toucouleur-Reich ‘Umar Talls große Teile des heutigen Mali, reichte auch nach Mauretanien und Guinea, überstand den Tod seines Gründers aber nicht. Ich erwähne hier nur die wichtigsten der damaligen Dschihad-Reiche.