Nachtfalter sterben im Licht der Lampe. Der Tod als Bestimmung oder Teil des Weges

Günther Lanier, Ouagadougou, 14.4.2021

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Um mich herum[2] wird gerade viel gestorben. Nicht nur haben im Norden und Osten des Landes die terroristischen Attacken wieder zugenommen. Der April ist zudem der Monat mit der größten Hitze. Die hiesigen Temperaturen in den unteren Vierzigern Celsius sind zwar völlig trocken und insofern weniger belastend als solche in den stets leicht feuchten Dreißigern in Europa, aber für geschwächte Metabolismen sind sie offenbar doch zu viel, so häufen sich Todesfälle unter Alten und Kranken oder anderswie Geschwächten. Agueratou, eine Freundin von mir, hatte allein am Dienstag vergangener Woche fünf Todesfälle in ihrer unmittelbaren Umgebung zu beklagen.

Weiten wir den Blick, so wird schnell klar, dass sich das Wirken des “Sensenmannes“ in letzter Zeit keineswegs auf Burkina Faso beschränkt. Sogar Prominente trifft es. Mit Pierre Nkurunziza in Burundi[3] und John Magufuli in Tansania, beide Covid-Leugner, hat er sogar zwei regierende Staatschefs hinweggerafft. Auch sind in der Côte d’Ivoire in kurzer Folge zwei Premierminister verschieden, beide waren Kronprinzen Alassane Ouattaras, für die Thronfolge ausersehen[4]. Und gestern erst ist der ivorische Ober-Imam, Traoré Mamadou, nach nicht einmal einem Jahr im Amt seinem Vorgänger Boikary Fofana ins Grab gefolgt[5]. Für die Welt der afrikanischen Literatur war der Tod Edouard Maunicks letzten Samstag, 10. April 2021, ein wesentlich größerer Verlust – wenn er mit seinen 89 Jahren seine Lebenszeit auch vollständiger ausgenutzt haben dürfte als die vorher zitierten Politiker.

Wir sind die morgige Welt
im Namen unserer Kinder mit ihren fruchtbaren Spielen
sie lernen schon das planetarische Alphabet:
was in uns kraftvoll lebte, dauert in ihnen fort:
das Verweigern des Schattens, der Platz an der Sonne![6]

Und freilich ist auch Europa, was den Tod betrifft, nicht außen vor. Dort hat das Hinscheiden von Prinzgemahl Philip am 9. April 2021 in Großbritannien mit 99 Jahren mehr Aufsehen erregt als das vorgestern verkündete Überschreiten der “Schwelle“ von einer Million Coronavirus-Toten[7].

Mein Artikel vom vorigen Mittwoch handelte von Magie, berichtete von Wahrsagerei aus den 1920er und 1930er Jahren. In Afrika wie in Europa gibt es “schwarze“ und “weiße“ Magie, letztere dient vor allem dem Heilen, erstere egoistischeren Motiven. Das Wirken afrikanischer Hexer und Hexen hat oft den Tod als Ziel und wenn ein Tod vordergründig unerklärbar ist, fällt der Verdacht schnell auf die Intervention einer Hexe oder eines Hexers.

Da hat sich in den letzten hundert Jahren nicht allzu viel geändert. Die Angst vor Hexerei sitzt weiter tief. Hier eine kleine Geschichte aus dem Westen Burkina Fasos, die mir vor wenigen Tagen zugetragen wurde.

Er war ein brillanter Schüler. Stets Klassenbester.
Dabei überhaupt nicht eingebildet. Stets bereit zu helfen, seinen MitschülerInnen zu erklären, was sie nicht verstanden hatten. Und auch in der Familie seines großen Bruders, bei dem er in Ouagadougou wohnte, um zur Schule zu gehen, war er stets zuvorkommend, sich nie zu gut für kleine oder auch größere hilfreiche Handgriffe.
Letzten August hatte er die Matura bestanden[8], als Schulbester.
Eine brillante Karriere an der Uni schien ihm gewiss.
Dann fuhr er “ins Dorf“
auf Besuch, also heim zu seiner Familie.
Mitte März dürfte das gewesen sein.
Und da wurde er verrückt – so hieß es in der Kurzfassung der Beschreibung seiner Krankheit zunächst.
Inzwischen habe ich erfahren, dass er drei Tage und Nächte nicht schlief und nichts zu sich nahm. Niemand verstand, was vorging. Er hatte bei seiner Ankunft daheim im Dorf müde gewirkt, aber sonst schien bei ihm körperlich alles in Ordnung zu sein.
Er wurde zum Heiler im Dorf gebracht. Der bemühte sich um ihn, aber erfolglos.
So probierte man es mit der modernen Medizin[9]. Doch die “ÄrztInnen[10]“ dort erwiesen sich als völlig überfordert, verschrieben kreuz und quer, doch nichts half.
Da nichts weiterging, wurde er ins Spital transportiert[11], wo ja die Fachleute arbeiten. Dort kam man am Abend an. Der diensthabende Arzt hatte vorerst Anderes zu tun, war “einen heben‘ gegangen, der diensthabende Turnusarzt tat dort weiter, wo im CSPS aufghört worden war. Er verschrieb Medikamente und hoffte, dass sie wirkten. Taten sie das nicht, verschrieb er schnell ein anderes Mittel – die Verwandten des Patienten waren ja mit dabei[12], um das Nötige in der Apotheke zu beschaffen. Usw. Diagnose gab es weiterhin keine.
Der Patient starb. Ob an seiner “Verrücktheit“ oder an einer Medikementenvergiftung, wissen wir nicht.

Doch hier die Erklärung:

Die Mutter des brillianten Schülers, um dessen Tod es hier geht, war ein Medium.
In Trance sah und sagte sie eines Tages vor allen Anwesenden, wer in der Umgebung für eine Reihe von Morden verantwortlich war.
Die Beschuldigte kannte sich mit Gift gut aus. Sie leugnete nicht, warf ihrer Beschuldigerin aber vor, es allen gesagt zu haben, obwohl sie doch aus demselben Dorf, also quasi verwandt wären.
Dass die “Vernaderin“ dabei in Trance war, über sich also keine Kontrolle hatte, machte für die bekennende Mörderin keinen Unterschied.
Ihr Ruf war zerstört, sonst passierte ihr aber nichts weiter[13].
War sie in unserem Sinn auch nicht schuldig, so bemühte sich die Mutter doch intensiv darum, dass ihr die öffentliche Anschuldigung vergeben werde – lange vergeblich.
Doch auf ihrem Totenbett gewährte die Mörderin ihr dann schließlich Vergebung. Und sie gab auch ihren Kindern Anweisung, sie nicht zu rächen.
Doch leider hielten sich nicht alle ihrer Kinder an ihren Wunsch.
Zwei Töchter der Denunziantin wurden verrückt (konnten in der Folge aber geheilt werden). Dann beging der Vater unter überaus eigenartigen Umständen Selbstmord. Das war vor ein paar Jahren.
Die Familie wandte sich an den besten Hellseher weit und breit und der erklärte ihnen, dass die Mutter das eigentliche Ziel der Angriffe war. Doch sie genieße von Geistern oder AhnInnen zu guten Schutz, sei unerreichbar, so traf die Rache die Familienangehörigen der “Schuldigen“.

Seit er im Spital war, sprach das letzte Opfer dieser Sippenhaftungsgeschichte, der plötzlich und anlasslos verrückt gewordene Sohn, fast nicht mehr. Er sang viel. Immer ein und dasselbe Lied.

Möge ihm die Erde in seinem verfrühten Grab leicht sein!

Der Tod junger Leute ist unnatürlich.

Hat eineR jedoch ein langes, erfülltes Leben hinter sich, so gestalten sich die Begräbnisse zu Festen, wo wenig geweint oder getrauert werden muss. Die Anwesenden erweisen der oder dem Toten sehr wohl “die letzte Ehre“, begleiten sie oder ihn in angemessener Form und in großer Zahl zu den AhnInnen.

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Radio Afrika ist in Wien daheim. Und ich habe, bevor ich mir Burkina zur Heimat erkoren habe, den Großteil meines Lebens in Wien verbracht. Wien gilt als nekrophil[15]. Stirbt wer, so ist eine “schöne Leich“, also ein würdiges Begräbnis, überaus wichtig. Manch AlteR spart vor dem Lebensende, damit bei ihrem oder seinem Tod dann genug Geld da ist für eine ordentliche Begräbnisfeier, vom Sarg angefangen bis zum Totenschmaus.

Und danach geht es um die Grabpflege. Die Liebe zu den Verstorbenen materialisiert sich für viele am Friedhof.

Auch in Burkina sind Gräber wichtig. Viele wollen ihre Verstorbenen daheim begraben – dazu bedarf es theoretisch einer behördlichen Genehmigung, um die sich de facto kaum wer kümmert. Und es werden auch meist weder Kosten noch Mühen gescheut, um Tote “bei ihnen daheim“, oft ist das “am Dorf“, zu bestatten.

In der Folge werden die Gräber dann zum Beispiel mit Kacheln eingekleidet. Manch Grab wirkt prunkvoller als das Haus, in dem die Hinterbliebenen leben.

Friedhöfe hingegen scheinen nicht so wichtig, wohl weil sie rezentere Erscheinungen sind, Erfordernisse der Urbanisierung, wo nur alteingesessene Familien ihren eigenen Hof (concession), ihr eigenes Grundstück haben, wo das Grab seinen adäquaten Platz finden kann.

 [16]

Ich glaube, dass über Begräbnis und Grab hinaus “Gevatter Tod“ in Burkina und wohl darüber hinaus in Afrika noch wichtiger ist als im nekrophilen Wien.

In gewissem Sinn auf die Spitze getrieben wurde der Totenkult im Alten Ägypten. Und als es kürzlich daran ging, die Mumien von 4 Pharaoninnen und 18 Pharaonen in eine neue Bleibe zu überführen, vom Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz im Zentrum Kairos ins neu errichtete Nationalmuseum der Ägyptischen Zivilisation (NMEC) im Süden der Stadt, wollte sich der ägyptische Diktator al-Sisi nicht lumpen lassen und sorgte nicht nur dafür, dass seinen antiken Vorfahren kein Leid geschehe – die für die Parade angefertigten goldfarbenen PharaonInnenwagen waren mit einem speziellen Luftfedersystem ausgestattet, um Erschütterungen zu vermeiden und große Teile des 7 km langen Parcours waren für alle, auch für FußgängerInnen gesperrt –, er machte aus der Überführung zudem ein Riesenspektaktel, dessen mehr als kitschige Prunk-Bilder um die Welt gingen[17].

Sterben “wichtige“ Leute, so ist der Andrang von “Trauernden“ auch sonst massiv. So gelang es auch Magufuli, noch über seinen Tod hinaus Unheil zu stiften: Bei seinem Begräbnis am 21. März kamen bei einer Massenpanik nach Angaben der Polizei 45 Menschen ums Leben[18] und Dutzende wurden verletzt.

Die meisten Begräbnisse sind weniger großartig. Aber niemand würde auf die Idee kommen, eineN geliebteN VerstrobeneN nur “im engsten Kreis“ oder “im Kreis der Familie“ zu bestatten. Das käme ja einem Verscharren gleich, als schämte man sich des oder der Verstorbenen. Je mehr an Begräbnis und Trauerfeier[19] teilnehmen, desto besser.

Unmittelbar nach dem Todesfall geht es darum, die Hauptbetroffenen, die engsten Hinterbliebenen, nur ja nicht alleine zu lassen, ihnen in dieser schweren Zeit beizustehen, sich solidarisch zu zeigen. “Saluer un décès“ wird das genannt, “einen Sterbefall grüßen“, wobei “saluer“ auch “würdigen“ heißt[20]. Und die diesbezüglichen Pflichten gehen für die meisten – ich meine für Nicht-Nahestehende – selten über Anwesenheit und ein paar Beileidsfloskeln und einen kleinen Kostenbeitrag hinaus.

Das “Todesfall-Grüßen-Gehen“ ist vielen Regeln unterworfen[21]. Unter den Mossi[22] der Hauptstadt zum Beispiel darfst du es nur am Vormittag tun, an gewissen Wochentagen geht es gar nicht und du solltest nicht alleine kommen. Auch wirst du, wenn du mit Deinem Beileidsbesuch fertig bist, nicht hinaus- oder bis zur Tür begleitet – unter normalen Umständen wäre das ein grober Verstoß gegen die gebotene Höflichkeit BesucherInnen gegenüber. Ich glaube, es ist Rücksicht, es geht darum, dir nicht den Tod, der hier “herrscht“, mit auf den Weg zu geben.

Die große Rolle, die Begräbnisse und Trauerfeiern “in Afrika“ haben, hat freilich mit der großen Bedeutung der AhnInnen zu tun, die in vorislamischen und vorchristlichen Zeiten und vielfach noch heute das Geschick ihrer Familie in wesentlichen Belangen bestimmen. Gegen ihren Willen, gegen Bräuche anzugehen, kann sich für ihre Nachkommen überaus negativ auswirken – und zwar nicht unbedingt für das zuwiderhandelnde Individuum, es dominiert ja die Gemeinschaft, sondern unter Umständen durchaus auch für andere Familienangehörige.

AhnInnen gehören geehrt. Und soeben verstorbene Alte “zu den AhnInnen zu begleiten“[23], ist vielleicht ein bisschen traurig, aber es ist vor allem ein Fest.

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Meiner Beobachtung nach betrübt der Tod Burkinabè mehr als die BewohnerInnen der Satten Welt. Dabei meine ich nicht die Ebene der nächsten Angehörigen, da hängt es von den Einzelnen ab und ihrem konkreten Verhältnis zu der oder dem Verstorbenen. Auch die “in der zweiten oder dritten Reihe“, also eigentlich nicht unmittelbar Betroffene, reagieren meist mehr als betroffen.

Wird über den Tod von Nahestehenden geredet, dann dominiert ganz eindeutig das Sich-Fügen-ins-Unvermeidbare. Von Gottes[25] Wille ist dann die Rede, in den es sich zu schicken gilt.

Der oben erwähnte und zitierte, soeben verstorbene mauritische Poet Edouard Maunick war da anders. Er war auch nur ein “halber Afrikaner“. Damit meine ich nicht, dass er ein Mischling war, obwohl das vielleicht auch eine Rolle gespielt hat, sondern dass er seit langem, seit 1960, im Pariser Exil gelebt hat[26]. Auch wenn er seine Inspiration, wie er nicht müde wurde laut hinauszuposaunen, bis zum Lebensende von seiner Insel und dem Meer dort bezog. Und er wäre auch gerne auf Mauritius gestorben.

Edouard Maunick lehnte sich gegen das Schicksal auf: “Wir sind nicht geboren, um zu leben, wir sind geboren, um eines Tages zu sterben und dagegen lehne ich mich auf, habe ich mich schon immer aufgelehnt“[27]. Und sein letzter Gedichtband, aus 2006, heißt “50 Vierzeiler, um den Tod zu verspotten“[28].

Zum Abschluss hier, als Kontrapunkt zum burkinischen und Wiener Zu-wichtig-Nehmen des Todes, ein Zitat von François Jullien, einem französischen Philosophen und Sinologen. In dieser Passage geht es um daoistisches (als Gegenüber zum aristotelischen) Sprechen:

“Wenn es heißt, ‘die große Beredsamkeit ist wie ein Stottern’, dann ist das, weil sie spricht‚‘indem sie sich den Dingen anpasst’, ‘ohne selbst etwas auszulösen oder zu bewirken (Wang Bi, …). Wer hingegen ‘nicht weiß’ (d.h. sich des ‘Weges’ nicht bewusst geworden ist) und trotzdem spricht, wird immer ‘den Anfang von irgendetwas auslösen’, wird ungerechtfertigterweise eine Fokussierung schaffen und, als Folge davon, eine Komplikation inmitten des beständigen und schlüssigen Ablaufs der Dinge, wodurch er unverständlich wird. Nehmen wir zum Beispiel den Tod (aber freilich ist das mehr als ein Beispiel): Sobald wir über ihn allein und abgesondert sprechen (dann nämlich taucht er auf: ‘der Tod!’), wird er zum Problem schlechthin, privilegiertes Objekt von rhetorischer Verstärkung und Dramatisierung; und wird immer rätselhafter. Diese wort- oder sprachbedingte Verkrampfung führt dazu, dass man ihm eine ‘Bedeutung’ sucht – die einem nur entgehen kann: Man wird zwischen Mysterium und dem Absurden schwanken. Solange man sich nicht vermittels des Wortes auf ihn fixiert, ihn nicht gesondert behandelt, als ein eigenes Thema, eine separate Fragestellung, solange blieb er, sagt Zhuangzi, einfach Teil des beständigen Laufs der Dinge – dieser Übergang ‘von der individuellen Aktualisierung zur Ent-Aktualisierung’, die eine Antwort ist auf die gegenteilige Bewegung der Aktualisierung durch die Geburt; folgerichtig verstand er sich von selbst, war ‘selbstverständlich’, ging auf im ‘Sosein’ der Dinge (…). Solange man sich nicht um ihn ‘kümmerte’ und ihn nicht durch das Wort heraushebt, solange man ihn nicht ‘loslöst’, ist er in seiner Natürlichkeit das, was ‘alle wissen’; er wird stillschweigend verstanden, allgemein akzeptiert. Aber ‘sobald man von ihm spricht’, ‘hat man keinen Zugang mehr zu ihm’; er wird nicht mehr mit seinem Anderen[29] (dem Leben) gemeinsam (an)genommen: man versteht[30] ihn nicht mehr (…)“[31].

 [32]

* * *

Endnoten:

[1] Insekten rund ums Licht, Foto Vaishak Kallore 23.10.2012, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Insects_flying_around_light_in_the_night.jpg.

[2] Beim Titel handelt sich aber um ein mauritisches Sprichwort: «Lai mon dan la lamp » = «la phalène meurt toujours dans la lumière de la lampe», das ich im RFI-Nachruf auf Edouard Maunick gefunden habe: Tirthankar Chanda, Edouard Maunick, chantre mauricien de la négritude métisse, est mort, RFI 11.04.2021 um 1h38, https://www.rfi.fr/fr/afrique/20210410-edouard-maunick-chantre-mauricien-de-la-n%C3%A9gritude-m%C3%A9tisse-est-mort. Auf Maunick komme ich im Artikel später noch einmal zurück.

[3] Das ist allerdings schon ein gutes Dreivierteljahr her – er starb am 8. Juni 2020 (Magufuli am 17.3.2021).

[4] Amadou Gon Coulibaly starb am 8.7.2020, Hamed Bakayoko starb am 10.3.2021.

[5] Beide hatten sich als Mediatoren ausgezeichnet. Beide sind am Coronavirus gestorben, Bokary Fofana Mitte Mai 2020, Taoré Mamadou am 13.4.2021. Siehe https://www.jeuneafrique.com/966320/societe/avec-la-disparition-de-cheick-boikary-fofana-la-cote-divoire-pleure-un-mediateur-incontournable/ bzw. https://netafrique.net/cote-divoire-debut-du-ramadan-le-chef-des-imams-est-decede/.

[6] Ich habe von Edouard Maunick in Kap.4 von Günther Lanier, Afrika. Exkursionen an den Rändern des Weltsystems, Linz (guernica Verlag) 2019, p.44 bzw. p.51 Teile seiner Gedichte “Géographie d’un exil“ und Nous guetteurs aus 2004 übersetzt. Hier handelt es sich um einen Teil von “Nous guetteurs“. Im Original: “nous sommes le demain du monde / au nom de nos enfants aux jeux fertiles / ils apprennent déjà l’alphabet planétaire : / ce qu’en nous vivait vif, en eux perdure : / le refus de l’ombre/la place au soleil!“, Edouard J. Maunick, Nous guetteurs, 2004, http://ile-en-ile.org/edouard-j-maunick-nousguetteurs/#exil, Übersetzung GL.

[7] Siehe https://www.orf.at//stories/3208929/.

[8] Die Matura war Covid-bedingt in den August verschoben worden. Das Bestehen der Matura ist in Burkina alles andere als selbstverständlich. Die Durchkommrate lag 2020 bei 39,35%, im Jahr davor betrug sie 36,83%. Siehe https://minute.bf/baccalaureat-2020-3935-de-taux-de-succes/.

[9] Ein in dieser Form übliches Vorgehen: Zuerst wird die billigere traditionelle Medizin bemüht; erweist die sich als unwirksam, geht es ins nächste CSPS (Centre de santé et de promotion sociale/Zentrum für Gesundheit und soziale Förderung).

[10] Nicht nur am Dorf, sondern auch in den Städten werden CSPS in der Regel von staatlich geprüften KrankenpflegerInnen (infirmières/infirmiers d’Etat) geleitet. Diese dürfen viel mehr als PflegerInnen in der Satten Welt. ÄrztInnen sind in Burkina überaus rar.

[11] Ich habe nicht nachgefragt, aber es handelt sich wahrscheinlich um das Spital in Dédougou (Provinz- und Regionalhauptstadt im Nordwesten) oder sogar um das in Bobo-Dioulasso, Burkinas zweitgrößte Stadt im Westen des Landes.

[12] PatientInnen brauchen immer eine Begleitperson, die sich um verschriebene Medikamente, die Ernährung und sonst Notwendiges kümmern.

[13] Den staatlichen Stellen wurde zweifellos nichts weitergesagt, die hätten einschreiten müssen. Und vielleicht war die Serienmörderin jemand Wichtige im Dorf, das weiß ich nicht. Hexen und Hexer werden in Burkina Faso jedenfalls nur unter den Mossi (und in letzter Zeit auch unter den Gourmantché im Osten des Landes) – und da auch nicht überall – umgebracht oder verjagt. Siehe zu diesem Thema das Kapitel 11 “Hexereivorwürfe und Hexenvertreibung“ in Günther Lanier, Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, Linz (guernica Verlag) 2017, pp.441-476.

[14] Foto Diane Béréhoudougou 8.4.2021 in Yako, 110 km nordwestlich der Hauptstadt Ouagadougou.

[15] Im eigentlichen Sinn haftet diesem Wort Sexuelles an. Das meine ich hier aber überhaupt nicht.

[16] Das einige Jahre nach seinem Tod schön ausgestattete Grab des Vaters, unmittelbar vor dem kleinen Anwesen seiner Familie im Kasséna-Dorf Kampala, auf halbem Weg zwischen Pô und Tiébélé, im äußersten Süden Burkinas. Die Mauern des Hofes im Rücken des Fotografen gehören zu den wenigen in Kampala, die nach Kasséna-Art verziert sind. Foto GL 22.4.2016, leicht überarbeitet.

[17] Fotos sind z.B. zu sehen im Deutsche Welle-Artikel “Feierliche Prozession für 22 PharaonInnenmumien“ (das vergessene Binnen-I habe ich hinzugefügt, GL) vom 3.4.2021 https://www.dw.com/de/feierliche-prozession-f%C3%BCr-22-pharaonenmumien/a-57095302.

[18] Ursprünglich war nur von 5 die Rede gewesen. Siehe z.B. den Standard-Artikel vom 30. März 2021 auf https://www.derstandard.at/story/2000125466737/45-tote-durch-massenpanik-bei-trauerfeier-fuer-tansanias-praesidenten. Ich habe seit 30.3. keine weiteren Meldungen mit einer neueren Opferbilanz gefunden.

[19] Das Begräbnis ist oft eine recht kleine Angelegenheit – unter MuslimInnen wird z.B. in der Regel noch am Tag begraben, an dem der Tod eintritt, da ist die Zahl der Leute, die verständigt werden können, relativ klein. Einige Zeit später, typischerweise ein Jahr später (aber es kann auch weniger oder mehr Zeit bis dahin vergehen, teilweise hängt es davon ab, ob genug finanzielle Mittel vorhanden sind, um ein großes Fest auszurichten), findet dann die Trauerfeier statt (funérailles).

[20] Grüßen ist “in Afrika“ generell viel wichtiger als in der Satten Welt. Immer wieder platzt unsereineR, kaum, dass ein “Hallo“ ausgetauscht wurde, mit dem heraus, was sie oder er will – sehr unhöflich. Mit Grüßengehen beginnt im Dorf der Tag, sich erkundigen, wie es den anderen – NachbarInnen, Dorfgemeinschaftsmitgliedern – geht, ob niemand krank geworden ist. Zu großen Festen gehen dann die Leute andere “grüßen“, da geht es hierarchisch zu, da geht es um das Erweisen von Ehrerbietung.

[21] Die ich beileibe nicht alle kenne – auch jüngere, “modernere“ Burkinabè tun sich oft schwer. Sich vorher umhören, scheint die beste Lösung. Und glücklicherweise wird Fremden/Weißen viel verziehen, was sie an Regelübertretungen fabrizieren.

[22] Sie stellen etwa die Hälfte aller Burkinabè und dominieren u.a. in Ouagadougou.

[23] So wird es auf Mooré ausgedrückt, der Sprache der Mossi.

[24] Im Zentrum der Menge die teils auffällig gelb gekleideten Sargträger mit dem Sarg. Es wird gesungen und getanzt und die Träger schwingen dem Sarg im Rythmus der Musik. Ausgeschnitten aus einem Video, das Diane Béréhoudougou am 8.4.2021 in Yako, 110 km nordwestlich der Hauptstadt Ouagadougou aufgenommen hat.

[25] AtheistInnen gibt es meiner Erfahrung nach so gut wie keine. Und auch AnimistInnen sind MonotheistInnen. Allerdings ist der große Gott – keine Göttin, das Patriarchat herrscht ja überall – für den Alltag von geringer Bedeutung. Im Alltag zählen AhnInnen und andere Wesenheiten.

[26] Er hat dazwischen auch lange Zeit in Südafrika gelebt, wo er 1994/95 mauritischer Botschafter war und dann – angeblich auf Anregung Mandelas – zwölf Jahre lang “seine Zelte aufschlug“.

[27] Dieses Zitat und die meisten der Infos zum Poeten stammen aus dem bereits erwähnten RFI-Nachruf: Tirthankar Chanda, Edouard Maunick, chantre mauricien de la négritude métisse, est mort, RFI 11.04.2021 um 1h38, https://www.rfi.fr/fr/afrique/20210410-edouard-maunick-chantre-mauricien-de-la-n%C3%A9gritude-m%C3%A9tisse-est-mort. Im Original: “Nous ne sommes pas nés pour vivre, nous sommes nés pour mourir un jour et cela me révolte, m’a toujours révolté.“ “Sich auflehnen“ heißt im Original also “se révolter“ und Maunick erklärt anderswo, dass er ein Mann der Revolte ist – nicht der Revolution, die passiert einmal und ist dann vorüber, sondern der Revolte, der Auflehnung & Empörung, die haben Bestand.

[28] Im Original: “50 Quatrains pour narguer la mort“. Der wunderbarste Gedichtband-Titel Edouard Maunicks ist meines Erachtens “Ensoleillé vif“ – wörtlich “Lebendig besonnt“. Unübersetzbar. Der Titel spielt mit dem Erde-Sonne-Gegensatz. Doch “lebendig begraben“ ist viel weniger direkt ein Gegenüber der Sonne als “enterré vif“.

[29] Im Sinn auch von Gegenüber und Gegenteil.

[30] Jullien spielt hier mit “comprendre“ = “verstehen“, das aus den zwei Teilen “zusammen“-“nehmen“ besteht, “com-prendre“ und “prendre“ war das Wort, das ich gerade mit (an)nehmen übersetzt habe.

[31] François Jullien, Si parler va sans dire. Du logos et d’autres ressources, Paris (Seuil) 2006, pp.157f, Übersetzung GL.
Im Original: «s’il est dit que ‘la grand éloquence est comme balbutiante’, c’est qu’elle parle ‘en se conformant aux choses’, ‘sans rien susciter ou provoquer de soi-même’ (Wang Bi…). Parler, en revanche, quand on ‘ne sait pas’ (i.e. quand on n’a pas pris conscience de la ‘voie’), c’est toujours ‘susciter un début d’affaires’ : faire surgir indûment de la focalisation et, par suite, de la complication, au sein du cours continu et cohérent des choses, au point qu’on ne le comprend plus. Prenez la mort, par exemple (mais, bien sûr, ce n’est pas qu’un exemple…) : dès lorsqu’on en parle isolément et pour elle-même (la voici qui surgit : ‘la Mort !’), elle devient le problème par excellence, objet privilégié de l’amplification et de la dramatisation rhétoriques ; et même elle est toujours plus énigmatique. Cette crispation de (par) la parole fait qu’on lui cherche un ‘sens’ – qui ne peut qu’échapper : on oscillera entre le mystère et l’absurde. Or, tant qu’on ne se fixait pas sur elle par la parole, dit le Zhuangzi, qu’on n’en traitait pas à part, comme d’un thème ou d’une question propres, elle demeurait intégrée dans ce cours continu des choses – ce passage ‘de l’actualisation individuelle à sa désactualisation’ répondant au mouvement inverse d’actualisation’ répondant au mouvement inverse d’actualisation par la naissance ; par suite, elle s’entendait d’elle-même, allai ‘de soi’, s’absorbant dans l’’ainsi’ des choses (…) Tant qu’on ne s’en ‘préoccupe’ pas et ne la fait pas ressortir par la parole, qu’on ne la détache pas, sa naturalité et ce que ‘tout le monde sait’ ; elle est tacitement comprise, communément admise. Mais, ‘dès qu’on en parle’, on ‘n’y accède plus’ ; elle n’est plus prise avec son autre (la vie) : on ne la ‘com-prend’ plus (…)»

[32] Unter dem Jubel der Anwesenden wird der Sarg hier von seinen Trägern kurz in die Höhe gestemmt. Ausgeschnitten aus einem Video, das Diane Béréhoudougou am 8.4.2021 in Yako, 110 km nordwestlich der Hauptstadt Ouagadougou aufgenommen hat.