Der Schreiner, der für seine Dorfschule den Aga Khan-Preis bekam

Günther Lanier, Wien, 18.8.2021


Francis Kéré Foto Astrid Eckert 18.2.2019, zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Francis_Kere,_2019.jpg.

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Diébédo Francis Kéré wurde 1965 in Gando geboren. Das genaue Datum scheint nicht bekannt zu sein – was am Land in Burkina Faso – damals noch Obervolta – alles andere als eine Ausnahme war, Geburtsurkunden haben sich bis zum heutigen Tag nicht durchgehend durchgesetzt. In noch früheren Zeiten waren auch die Geburtsjahre nur ungefähr bekannt – “né.e-vers“ werden solche Leute genannt: “geboren-rund-um“.

Das Dorf Gando liegt 14 km nordwestlich von Tenkodogo, circa 120 km Luftlinie ostsüdöstlich der Hauptstadt Ouagadougou. Kéré ist ein Bissa-Name – das traditionelle Siedlungsgebiet der Bissa liegt westlich und südlich von Tenkodogo.

Da es in Gando selbst keine Schule gab, wurde der siebenjährige Francis zu Verwandten in Ouagadougou geschickt, um die Volksschule besuchen zu können. Damit war er der erste aus seinem Dorf – sein Vater war Dorfchef und wollte, dass sein ältester Sohn lesen und schreiben lernte, um ihm bei seinem Briefverkehr behilflich zu sein.

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Nach der Volksschule machte Francis eine Schreinerlehre.

1985, er war 20 Jahre alt, nahm sein Leben eine neue Wendung. Da erhielt er von Carl-Duisberg-Gesellschaft[2] und Deutschem Entwicklungsdienst[3] ein Stipendium für Deutschland, wo er seine Schreinerlehre beendete – vorgesehen war, dass er in der Folge in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (damals war das Worte Entwicklungshilfe noch nicht anrüchig) eine Mittlerposition einnehmen würde.

Francis besuchte in Deutschland die Abendschule – das muss aus sprachlichen Gründen zu Beginn eine Riesenherausforderung gewesen sein – und maturierte.

1995, also mit 30, begann er an der TU Berlin Architektur zu studieren.

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Auch wenn Francis Kéré in der Satten Welt heimisch wurde, so vergaß er darob seine Ursprünge nicht. 1998 gründete er mit Freunden den eingetragenen Verein “Schulbausteine für Gando e.V.“ und finanzierte so den Bau einer Volksschule in seinem Heimatort. 2001 war sie fertig.

Untypischerweise wurde sie nicht aus Beton, sondern aus Lehmziegeln gebaut – das ist billiger und kühler. Im Dorf musste Francis Kéré jedoch Widerstände überwinden, war doch die traditionelle Bauweise in Verruf geraten und galt nur Beton als haltbar. Die (verbesserte) Lehmziegelbauweise gemeinsam mit Kühlung zuträglichen deutlich abgehobenen Dächern ist zum Markenzeichen Kérés geworden.

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Sein Architekturstudium beendete Kéré 2004. Schon davor hatte er für Entwurf und Bau der Gando-Schule den renommierten und gut dotierten Aga Khan Award for Architecture erhalten.

Das war die erste von mehreren internationalen Auszeichungen. Der Dorfchefsohn aus Gando gründete in der Folge in Berlin das Architekturbüro Kéré Architecture[6], das weltweit tätig ist.

Er selbst unterrichtet seit vielen Jahren an der TU Berlin, hat zudem an der University of Wisconsin, in Harvard, an der TU München und an der Accademia di Architettura di Mendrisio im Schweizer Tessin Gastprofessuren wahrgenommen.

Die Volksschule in Gando erwies sich bald als zu klein.

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Francis Kéré hat seinem Heimatland auch sonst nicht den Rücken zugewandt, so hat er z.B. in Dano und in Laongo Schönes gebaut bzw. entworfen. Doch darum, insbesondere um Schlingensiefs Operndorf, wird es ein anderes Mal gehen.

An der Kreuzung zwischen Utopie und Pragmatismus schaffen wir eine zeitgenössische Architektur, welche die Phantasie um eine afro-futuristische Vision bereichert.“[8]

Zum Abschluss ein Foto von der vergrößerten Volksschule in Gando, aufgenommen Ende Februar. Die Trockenzeit nähert sich da ihrem alljährlichen Höhepunkt, doch die Temperaturen sind noch angenehm – untertags nähern sie sich den 40°, doch in der Nacht kühlt es noch ab.

In den Bauten Francis Kérés ist auch Mittagshitze erträglich, selbst in den heißesten Monaten März und April – Klimaanlagen sind nicht nur schädlich, sie sind völlig überflüssig.

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Endnoten:

[1] Die Gando-Volksschule, Foto Schulbausteine 12.12.2002, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primary_School_Gando.jpg.

[2] Ein Verein zur Berufsbildungsförderung, der mit den Institutionen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) kooperiert.

[3] Der DED war die Personalentsendeorganisation der deutschen EZA, Horizont3000 (dem ehemaligen ÖED) vergleichbar. 2011 wurde er mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Inwent (Internationale Weiterbildung und Entwicklung) zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH fusioniert, was de facto eine “feindliche Übernahme“ durch die GTZ bedeutete.

[4] LehrerInnenunterkünfte für die Gando-Schule, Foto GandoIT 2.3.2009, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kere_teachers_accommodation.jpg.

[5] Die Gando-Schule, Foto Helge Fahrnberger 22.2.2005, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gando-School-Burkina-Faso.JPG.

[6] Siehe https://www.kerearchitecture.com/.

[7] Die in Bau befindliche Bibliothek der Volksschule von Gando von innen, Foto GandoIT 10.8.2011, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kere_library_gando.jpg.

[8] Im Original: “At the intersection of utopia and pragmatism we create contemporary architecture that feeds the imagination with an afro-futurist vision.” Quelle: https://www.kerearchitecture.com/, Übersetzung GL.

[9] Erweiterung der Gando-Schule, Foto GandoIT 24.2.2009, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kere_primary_school_extension_gando.jpg.