Abdulrazak Gurnah: Ein Literatur-Nobelpreis für den Indischen Ozean

(Meine Webseite wird gerade generalüberholt - derzeit kann ich leider keine Bilder hochladen. GL)


Stone Town, Sansibar[1]

* * *

Günther Lanier, Ouagadougou 16.10.2021[2]

Dieser Artikel ist soeben in der 2-Monats-Zeitschrift “International“ erschienen. Geschrieben habe ich ihn Mitte Oktober. Inzwischen hat Abdulrazak Gurnah seinen Nobelpreis überreicht bekommen und zwar pandemiebedingt am 6. Dezember in der schwedischen Botschaft in London – der Festakt nicht nur für den Literaturnobelpreis fand am 10. Dezember in Stockholm statt, am Todestag des Stifters Alfred Nobel. Nur Maria Ressa und Dmitri Muratov, denen heuer gemeinsam der Friedensnobelpreis verliehen wurde, waren persönlich anwesend.

* * *

Es war einmal ein Affe, der lebte auf einer Palme am Meer. Ein Hai schwamm vorbei und die beiden freundeten sich an. Der Hai erzählte dem Affen Geschichten von der Welt, in der er jenseits des Wasser in Hailand lebte, von dessen leuchtender Landschaft und seiner glücklichen Bevölkerung. Er erzählte ihm von seiner Familie und seinen FreundInnen und den Festen, die sie zu bestimmten Jahreszeiten feierten. Darauf sagte ihm der Affe, wie wunderbar seine Welt klänge und wie sehr er sich wünschte, sie zu sehen, aber er könne nicht schwimmen, und wenn er es versuchte, würde er ertrinken. Kein Problem, sagte der Hai, du kannst ja auf meinem Rücken reiten. Halt’ dich nur an meiner Flosse fest, dann bist du in Sicherheit. So stieg der Affe vom Baum und setzte sich auf den Rücken des Hais. Die Reise übers Wasser ins Hailand war so berauschend, dass der Affe ausrief: ‘Du bist so ein guter Freund, dass du das für mich tust.’ Den Hai brachte das in Verlegenheit und er sagte ‘Ich muss Dir ein Geständnis machen. Ich bringe dich nach Hailand, weil unser König krank ist und der Doktor gesagt hat, dass nur das Herz eines Affen ihn heilen könne. Das ist der Grund, warum ich dich hinbringe.’ Ohne zu zögern antwortete der Affe: ‘Warum hast du mir das nicht vorher gesagt? Ich hab’ mein Herz nicht mit dabei.’ Darauf der Hai: ‘Oh nein! Was tun wir jetzt?’ Und der Affe: ‘Bring’ mich zurück und ich hol’s von meinem Baum.’ So brachte der Hai den Affen zurück zu seinem Baum am Ufer des Meeres und der kletterte geschwind die Palme hinauf. Der Hai hat ihn nie wiedergesehen.

Diese Geschichte erzählt Khalifa seinem Enkel Ilyas auf den Seiten 191f. in Abdulrazak Gurnahs bis dato letztem Roman “Afterlives“ – “Nachleben“. Ich werde auf die beiden zurückkommen.

Der Literaturnobelpreisträger von 2021 hat es darauf angelegt, zu zeigen, dass Identitäten ungeeignet sind, sich daran festzuhalten.

Als Tansanier wird Abdulrazak Gurnah “gehandelt“, der erst zweite Schwarzafrikaner (nach Wole Soyinka 1986), dem der Preis zuerkannt wurde. Doch in Tansania kennen ihn nur wenige. Er schreibt nämlich seit jeher auf Englisch. Eine Übersetzung seines bekanntesten Romans “Paradise“ auf Swahili ist gerade im Entstehen. Seine Kindheit hat er auf Sansibar verbracht. Das Sultanat und britische Protektorat erlangte am 10. Dezember 1963 seine Unabhängigkeit. Einen Monat später, am 12. Jänner 1964, bereitete eine schwarzafrikanische Revolution der Herrschaft des Sultans ein plötzliches Ende. Viele Angehörige der zuvor herrschenden arabischen Schicht wurden Opfer von Vergewaltigungen und blutiger Rache für die jahrhundertelange Unterdrückung.

Der 1948 geborene Abdulrazak Gurnah beendete zunächst seine Schulausbildung. Ende 1967 flüchtete er dann. 1968 kam er in Großbritannien an, ausgestattet mit einem einmonatigen TouristInnen-Visum, wie er erzählt. Er inskribierte am Christ Church College in Canterbury. Und seit nunmehr über 50 Jahren lebt und schreibt er in England.

Er ist nicht oft in Sansibar. Zunächst konnte er nicht. Erstmals reiste er 1984 wieder hin, sah dort seinen Vater wieder, kurz vor dessen Tod. Aber täglich denkt er nach eigener Aussage an Sansibar. Und nur einer seiner zehn Romane spielt in Großbritannien. Der Ursprung der Gurnahs liegt aber nicht in Sansibar, sondern im östlichen Jemen, im Hadramaut-Tal, um noch genauer zu sein in der Stadt Al-Dis Al-Charqiya[3]. Die Hadramis waren seit jeher in Seefahrt und Handel stark vertreten, waren in Indien, in Südostasien und im östlichen Afrika präsent. Als Abkömmling der Hadrami wird sein Nobelpreis als arabischer oder gar als hadramischer beansprucht.

Abdulrazak Gurnah äußert sich wenig zu seiner persönlichen Biographie. Wie ein typischer Brite übt er sich diesbezüglich in nobler Zurückhaltung. Und auch sein Stil hat nichts Barockes, nichts Überbordendes. Ist seine Prosa auch zuweilen von Swahili-Wörtern durchsetzt, so ist sein Englisch zuvorderst ein nüchternes. Eine seit langen Jahren befreundete Literatur-Professorin[4] vergleicht ihn mit dem englischen Klassiker Charles Dickens.

Zum Lebenslauf Abdulrazak Gurnahs ist vor allem noch zu sagen, dass er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2017 Universitätsprofessor für Englisch und postkoloniale Literatur in Kent war. Und er hat an so manchem Podium teilgenommen, hat dort seine Ideen mitgeteilt, ist auch mit anderen Schreibenden in Dialog getreten, und hat als Lehrender an der Uni seine StudentInnen an seinem Wissen teilhaben lassen[5].

Ein Nobelpreis wird aber freilich nicht für eine Biographie vergeben, sondern für ein Werk. Wie erwähnt hat Abdulrazak Gurnah zehn Romane zu Buche stehen. Das erste – “Memory of Departure“, “Aufbruchserinnerung“ – kam 1987 heraus. Das bisher letzte, das zu Anfang des Artikels erwähnte “Afterlives“, also “Nachleben“ (im Plural), im September 2020.

Seinen Nobelpreis erhielt Gurnah “für sein kompromissloses und einfühlsames Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals von Flüchtlingen in den Abgründen zwischen Kulturen und Kontinenten.“[6] Der Preis der Schwedischen Akademie ist 10 Millionen Schwedische Kronen wert, das entspricht ziemlich genau 1 Million Euro.

In ihren biobibliographischen Anmerkungen zu Gurnah schreibt die Schwedische Akademie weiters, “Gurnahs Hingabe an die Wahrheit und seine Abneigung gegen Vereinfachungen“ seien bestechend, seine Romane “schrecken vor stereotypen Beschreibungen zurück und öffnen unseren Blick für ein kulturell diversifiziertes Ostafrika, das anderen Teilen der Welt unbekannt ist“. Und dann auch, dass sich Gurnahs Figuren, allesamt auf Wanderschaft, nicht nur in einem Leerraum zwischen Kulturen und Kontinenten wiederfinden, sondern auch “in einer Lücke zwischen einem Leben, das war, und einem Leben in Entstehung.“[7]

Fünf von Gurnahs zehn Romanen wurden auf Deutsch übersetzt, drei auf Französisch, zwei auf Schwedisch. Hier die deutschen:
Das verlorene Paradies, übersetzt von Inge Leipold, Frankfurt am Main (Krüger) 1996 (im Original: Paradise/1994)
Donnernde Stille, übersetzt von Helmuth A. Niederle, München (Kappa) 2000 (im Original: Admiring Silence/1996)
Ferne Gestade, übersetzt von Thomas Brückner, München (Kappa) 2001 (im Original: By the Sea/2001)
Schwarz auf Weiss, übersetzt von Thomas Brückner, München (A1-Verlag) 2004 (im Original: Pilgrims Way/1988)
Die Abtrünnigen, übersetzt von Stefanie Schaffer-de Vries, Berlin (Berlin-Verlag) 2006 (im Original: Desertion/2005)[8]

Die fünf dürften alle vergriffen sein. Mit dem Nobelpreis wird sich das schnell ändern.

 

12 Jahre vor dem Nobelpreis[9]

Der Titel von Gurnahs rezentestem Roman – Nachleben – bezieht sich auf Krieg und vor allem Kolonialismus und beider Nachwirken über ihr Ende hinaus. Was den Kolonialismus betrifft, so ist vor allem der deutsche gemeint. Der englische kommt nur nebenbei vor, wird mehrfach als gutartig, ja sogar wohltuend dargestellt. Was den deutschen betrifft, ist das keineswegs der Fall, obwohl sich der Autor nicht zu Emotionen hinreißen lässt – das ließe seine Distanziertheit nicht zu.

Was in den 33 Jahren deutscher Herrschaft an Grausamkeiten passiert, wird von Gurnah keineswegs verschwiegen. Den Geschehnissen der letzten paar Jahre dieser Herrschaft, während des 1. Weltkrieges, folgen wir sogar aus der Perspektive eines Schutztruppe-Soldaten, also aus nächster Nähe. Doch war das eben so. “Doch ich lebe noch / Ich lebe / Und so war das eben / Ist nicht traurig / Ist ja Wahrheit / Und ich leb’ mein Leben.“[10] Und auch vom Aufstand gleich zu Beginn Deutsch-Ostafrikas Ende der 1880er Jahre[11], von der erst 1898 vollendeten Niederwerfung der Wahehe (auch Hehe)[12] und vom Maji-Maji-Krieg 1905-08[13] ist mehrmals die Rede oder besser gesagt Schrift.

Auf die Erwähnung dieses Maji-Maji-“Krieges mit genozidalen Folgen für die Bevölkerung“[14] hatte ich gewartet, hatte mich gefragt, wie Gurnah ihn abhandeln würde. Auf Siegerseite sollen 15 deutsche Soldaten und rund 1.000 afrikanische Soldaten und Träger gestorben sein. Auf Maji-Maji-Seite waren es mindestens 180.000. Neuere Schätzungen gehen von 250.000 bis 300.000 aus, die meisten davon ZivilistInnen. Denn die Kolonialtruppen bedienten sich der Taktik der verbrannten Erde, sie zerstörten möglichst großflächig die Lebensgrundlage der Widerständigen – davon berichtet auch Gurnah[15]. Im Kriegsgebiet schrumpfte die Bevölkerung in kürzester Zeit um ein Drittel.

Doch der Autor bleibt cool. Nur einmal entkommt seiner Feder in diesem Zusammenhang das Wort “atrocities“[16], also “Grausamkeiten“. So viel Abstand ist mir bei der Behandlung des Themas[17] nicht gelungen – sie hat auch etwas Unmenschliches an sich, finde ich. Weil wer weiß, ob die LeserInnen über die Gräuel nicht allzu leicht drüberlesen

Es passiert sehr viel in diesem handlungsgetriebenen Roman “Afterlives“, der auf 219 Seiten ein Dreiviertel-Jahrhundert erzählt, Tansania avant la lettre, sozusagen: Dass Tanganjika und Sansibar 1964 fusionieren und dabei “Tansania“ aus der Taufe heben, wird gerade nicht mehr berichtet. In seinem klassischen, sachlichen (matter-of-fact), fast sperrigen Stil teilt Gurnah überwiegend Objektives mit. Zwar ist es sehr wohl die Wirkung der Ereignisse auf seine Figuren, die ihn interessiert, aber er psychologisiert kaum.

Der auktoriale Erzähler begleitet mehrere Angehörige der unteren Mittelschicht durch ihr Leben. Ort der meisten Geschehnisse ist Bagamoyo, eine Hafenstadt am Festland gegenüber der Insel Sansibar. Heute eine kleine Stadt ohne große Bedeutung, war sie 1888 bis 1891 Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika, bevor ihr das 75 km südlich gelegene Daressalam aufgrund seines tieferen Hafens den Rang ablief.

Es gibt sechs Hauptpersonen in diesem Buch: Khalifa, Bi Asha, Ilyas, Afiya, Hamza, Ilyas Junior. Khalifa, ein kleiner Buchhalter, und Bi Asha, eine Verwandte seines Chefs, heiraten. Afiya ist Ilyas’s um zehn Jahre jüngere Schwester, sie wird von Khalifa und Bi Asha aufgenommen, nachdem ihr Bruder in den Krieg gezogen ist. Später wird Hamza, selbst aus dem Krieg zurückgekehrt, sie heiraten. Ihr Kind nennen sie nach Afiya’s verschollenem Bruder Ilyas. Auch wenn Bi Asha eine stärkere Persönlichkeit ist als ihr Mann Khalifa, so dominiert die männliche Erzählperspektive fast durchgehend. Das liegt sicher auch an den Einschränkungen, denen Frauen unterworfen werden – wie es der Autor an der heranwachsenden Afiya deutlich macht, der Bi Asha immer weniger Freiheiten gewährt, als sie vom Mädchen zur Frau wird.

Das Herzstück des Buches bildet die Zeit Hamzas als Askari, als einheimischer/afrikanischer Soldat der deutschen Schutztruppe[18]. Er gehört zu den Freiwilligen, die sich zur Schutztruppe melden, als der Krieg – der 1. Weltkrieg – bereits absehbar ist. Er wird ausgebildet, wird zum persönlichen Diener des deutschen Kommandanten[19] seiner Truppe, und wird, sobald der Krieg ausbricht, an die Front geschickt. Diese befindet sich zunächst im äußersten Norden Deutsch-Ostafrikas, an der Grenze zum heutigen Kenia, wandert dann zusehends gegen Süden und bis an die Grenze des heutigen Mosambik. Je länger der Krieg dauert, umso schlechter werden die Bedingungen der Schutztruppe, am Schluss gibt es nicht einmal mehr genug zu essen. Für Hamza endet der Krieg, als einer der deutschen Offiziere der Truppe ihn in einem rassistischem Anfall von Hass und Wahnsinn mit seinem Degen fast umbringt. Er wird zwei Jahre Pflege brauchen, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen, sein Hüftleiden wird ihn den Rest seines Lebens begleiten.

Das alles wird emotionslos berichtet. War halt so... Besondere Aufmerksamkeit schenkt Gurnah hingegen dem Verhältnis des deutschen Kommandanten zu Hamza. Wie wir im Nachhinein erfahren werden, erinnert er ihn an seinen sehr jung verstorbenen kleinen Bruder. Auch wenn es nie zum Vollzug kommt[20], ist das Verhältnis seitens des Oberleutnants stark homoerotisch. Schon aufgrund der im Heer sehr ausgeprägten Hierarchie, zudem als Schwarzer gegenüber dem deutschen Kolonialherren, ist Hamza dem Chef der Truppe völlig ausgeliefert. Er hat keine Wahl als geschehen zu lassen. Kaum erträglich sind ihm insbesondere die Blicke, die auf ihm nicht ruhen, sondern lasten. “Es war eine unverschämte und aufdringliche Beschauung und er konnte nichts anderes tun, als zuzulassen, ausgiebig inspiziert zu werden, betrachtet zu werden, als könnte er den Blick nicht erwidern. Er lernte, nicht zu schauen.”[21]

Was Hamza betrifft, hat die schwedische Akademie Gurnahs Roman übrigens nicht genau gelesen. Sie behauptet sowohl, dass er gezwungen wird, für die Deutschen in den Krieg zu ziehen, als auch, dass er vom Oberleutnant, der ihn sexuell ausbeutet, abhängig wird[22].

 [23]

Freiwillig in den Krieg gezogen ist auch Ilyas Senior. Seine persönlichen Erfahrungen haben ihn zu einem Freund der Deutschen werden lassen. Darüber vergisst er sogar seine zehn Jahre jüngere Schwester. Zuvor hatte er sie, als er nach zehnjähriger Abwesenheit nach Hause zurückkam, aus der Pflegefamilie befreit, die sich um sie kümmerte, indem sie sich ihrer wie einer Sklavin für die Hausarbeit bediente[24]. Für Afiya begann damit die große Idylle – ein Jahr lang umhegte und umsorgte sie Ilyas und ersetzte ihr die Eltern, die sie nie kennengelernt hatte, brachte ihr auch Lesen und Schreiben bei. Doch den Deutschen und ihrem Krieg gegen andere Kolonialmächte zuliebe schickt er sie in die Pflegefamilie zurück, wissend, wie schlecht es ihr dort gegangen ist[25]. Erst als Afiya Ilyas’ Freund Khalifa benachrichtigt, dass ihr der Pflegevater in einem Wutanfall fast die Hand kaputtgemacht hat[26], nimmt er die Elfjährige zu sich[27]. Ilyas lässt nicht und nicht von sich hören. Und wie erwähnt, wird das Leben für Afiya immer eingeengter, je weiter sie in der Pubertät vorankommt. Eine neue Idylle bringt ihr erst die – voll und ganz erwiderte – Liebe zu Hamza. Die beiden heiraten. Und ihren Sohn nennen sie Ilyas.

Der wächst dann im Schatten seines namengebenden, aber nachhaltig abwesenden Onkels heran[28]. Per Brief erfährt sein Vater Hamza sodann von einer deutschen Bekannten – die Frau des Missionars und Arztes, der ihn von seiner Hüftwunde geheilt hat –, dass Ilyas Senior in Deutschland und am Leben ist[29]. Dann bricht der Postverkehr ab – der 2. Weltkrieg ist ausgebrochen.

Ilyas Junior wächst heran. Schon als Jugendlicher sehr phantasiebegabt, beginnt er als junger Mann zu schreiben. Und hat Erfolg damit, insbesondere, als er seine Prosa im Radio liest, das macht ihn zur lokelen Berühmtheit. So wechselt er zum Rundfunk. Und dort erhält er ein Stipendium für Bonn für eine Ausbildung in moderner Radio-Technologie. Im Rahmen der Ausbildung unternimmt er als Projekt die Suche nach seinem Onkel Ilyas Senior. Und nun geht es im Eilzugstempo weiter – es ist, als wäre Gurnah seines Stoffes müde und wolle ihn zu Ende bringen. Ilyas Junior hört vom nationalsozialistischen Reichskolonialbund[30], der alle Organisationen gleichschaltete, die sich um Rekolonialisierung bemühten[31]. Im Archiv dieses Reichskolonialbundes findet er ein Foto von einem gewissen Elias Essen in Schutztruppenuniform[32], aufgenommen nach der Vorführung eines Films über Deutsch-Ostafrika, es handelte sich um eine Reichskolonialbund-Veranstaltung.

 [33]

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland erzählt Ilyas Junior seinen Eltern, was er über das Leben von Ilyas Senior herausgefunden hat. Diese Kurzzusammenfassung beendet das Buch[34]. Ilyas Senior starb 1942 nördlich von Berlin im Konzentrationslager Sachsenhausen, nachdem er wegen des Schändens einer Arierin verurteilt worden war. Nicht die Heirat einer Deutschen wurde ihm vorgeworfen, das war vor den Rassengesetzen gewesen, sondern eine Affäre mit einer anderen Arierin.

Ilyas ist das arabische Pendant zu Elia. Der Prophet kommt im Koran ebenso vor wie in der Bibel. Im Koran ist er gemeinsam mit Zacharias, Johannes und Jesus einer der “Rechtschaffenen“. Sowohl im Katholizismus als auch in der orthodoxen Kirche wird Elia als Heiliger verehrt. Für die Figur in Gurnahs Roman ist vielleicht die Leichtigkeit des Namenswechsels wichtiger, als Ilyas Senior aus dem muslimischen in einen christlichen Kontext übersiedelt und dort zum Elias wird.

Deutschland kommt in Afterlives viel vor. Kein Wunder, hat es in Ostafrika doch seine Spuren hinterlassen. In gewissem Sinn hat Ilyas alias Elias mit seiner Migration den Spieß umgekehrt, auch wenn er für seine treue Hingabe im 1. Weltkrieg[35] und danach für die nationalsozialistische Propagandamaschinerie (KZ und Tod fürs Schänden einer Arierin) nicht die Belohnung erfährt, die er sich verdient hätte.

Was das frühere Deutsch-Ostafrika betrifft, so kamen und kommen dort Leute aus aller Herren und wohl auch Frauen Länder zusammen. Die Deutschen waren spät dran und blieben nur kurz. Seit sehr viel früher mischten sich in der Welt des Indischen Ozeans Kulturen und Menschen und ihre Schicksale. So hatte auch Khalifa einen indischen Vater, wie wir gleich zu Beginn des Buches erfahren. Er arbeitete zunächst für Banker aus Gujerat im nordöstlichen Indien, doch die ziehen weiter nach Mombasa im heutigen Kenia, wo sie sich höhere Profite versprechen. Dass sie dazu aus einer deutschen in eine britische Kolonie wechseln, spielt keine Rolle.

Von unserer “Alten Welt“ aus gesehen, ist Ostafrika die Europa abgewandte Seite Afrikas. Für die europäischen Kolonialreiche war der Atlantik das wichtigste Medium. Von dort ging die in Schwung befindliche Globalisierung aus[36]. Doch die Integration Subsahara-Afrikas in den Weltmarkt fand lange vor der europäischen “Entdeckung“ statt[37]. Dabei diente nicht der Atlantik, sondern der Indische Ozean als Mittler. Wie viel früher an der afrikanischen Ostseite transkontinentale Kontakte bestanden, dafür sind zum Beispiel die Besiedlung Madagaskars aus Südostasien[38] und die südindischen Funde von Münzen aus Aksum (Äthiopien) aus dem 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende zwei kleine Hinweise[39].

Ein wichtiger Gehilfe bei diesen Kontakten war der Monsun. Der bläst einen Teil des Jahres (im europäischen Winter) aus dem Nordosten, also in Richtung Ostafrika, und einen Teil des Jahres (im europäischen Sommer) aus dem Südwesten, also von Ostafrika Richtung Indien. Das erleichterte den Handel. Der Indische Ozean gilt als Wiege der Globalisierung.

Als portugiesische ”Entdecker” Ende des 15. Jahrhunderts schließlich das Kap der Guten Hoffnung umschifften und Ostafrika erreichten, konnten sie sich für die Weiterfahrt nach Indien und Südostasien auf muslimische Händler und deren Fachwissen verlassen. Da ging es zunächst um Handel. Dessen Stützpunkte wurden – anders als die seit Langem bestehenden muslimischen – in der Folge zu kolonialen Besitzungen ausgebaut, in Asien sehr viel früher als in Subsahara-Afrika.

 [40]

Abdulrazak Gurnah blickt vom Indischen Ozean aus auf den Rest der Welt. Die Welt der MigrantInnen mit ihren immer höheren Hindernissen ist die Antithese der Welt des Indischen Ozeans. Kulturen wachsen nur, wenn sie anderen begegnen[41]. Für sein lebenslanges Beharren auf diesem Wissen und seine konsequente Blickumkehr hat sich Abdulrazak Gurnah den Preis der Schwedischen Akademie verdient.

* * *

Endnoten:

[1] Foto Alessio Rinella mumbojumbo 20.12.2016, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stone_Town,_Zanzibar_Town,_Tanzania_(Unsplash).jpg.

[2] Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren!

[3] Die Aden Times hat den anzestralen Sitz der Gurnahs entdeckt. Siehe Philippe Mischkowsky, This “Arab” author whom the Arabs do not know, www.archyde.com 8.10.2021, https://www.archyde.com/this-arab-author-whom-the-arabs-do-not-know/.

[5] S. ebd.

[6] Übersetzung, auch der folgenden Passagen: GL, https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2021/gurnah/facts/.

[7] Svenska Akademien, Biobibliographical notes, https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2021/bio-bibliography/.

[8] Informationen von ebd. Ins Schwedische übersetzt wurden “Paradise“ und “The Last Gift“, ins Französische “Paradise“, “By the Sea“ und “Desertion“. Auf Englisch hat Gurnah auch einige Kurzgeschichten und freilich jede Menge wissenschaftliche Literatur publiziert. Siehe ebd.

[9] Das Foto ist “Abdulrazak Gurnah am Hebron-Panel” betitelt. Foto PalFest 31.5.2009, licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AbulrazakGurnahHebronPanel.jpg.

[10] Aus dem Lied “Ich leb’ mein Leben“ von Wolf Biermann – ich kenne es in der von Eva-Maria Hagen gesungenen Version auf ihrer 1981er LP gleichen Namens.

[11] Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung (in kolonialen Quellen “Araberaufstand“, auf Englisch nach seinem Anführer “Abushiri revolt“ genannt). Afterlives erstmals p.9.

[12] Chief Mkwawa beging in auswegloser Situation schließlich Selbstmord, um nicht seinen Feinden in die Hände zu fallen. Seiner Leiche wurde der Kopf abgeschnitten und letzterer wurde nach Deutschland gebracht. Afterlives p.12.

[13] Afterlives erstmals p.12. Die ersten beiden Erwähnungen (p.12 und p.17) sprechen vom “Maji Maji uprising“, die letzten beiden (p.88 und p.91) korrekter vom “Maji Maji war“.

[14] Die Einschätzung ist aus Susanne Kuß, Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin (Ch. Links) 2011.

[15] Afterlives p.18.

[16] Ebd. p.91.

[17] Günther Lanier, Maji-Maji. “Den Schwarzen kann man nicht mit Friedenssachen kommen, es gebraucht eine starke Hand“, Wien (Radio Afrika TV) 25.9.2019. Der Artikel ist dort leider nicht mehr verfügbar – ich kann ihn bei Interesse aber jederzeit zuschicken.

[18] Afterlives pp.44-105.

[19] Dessen Verachtung für Ostafrika Gurnah die Gelegenheit für einen kleinen Seitenhieb auf Donald Trump und sein “shithole“ bietet: “ Was tut ein Mann aus der lieblichen Stadt Marbach hier in diesem Scheißloch? Ich wurde in eine militärische Tradition hineingeboren und das ist meine Pflicht. Deswegen bin ich hier – um in Besitz zu nehmen, was rechtmäßig uns gehört, weil wir stärker sind. Wir haben es mit rückständigen und wilden Leuten zu tun und die einzige Art, über sie zu herrschen, ist, sie in Angst und Schrecken zu versetzen“, Afterlives p.71.

[20] Am nächsten kommt es dazu in der folgenden Passage: “In manchen Nächten streckte der Offizier seine Hand aus, um ihn zu berühren. Du bist noch da. Du bist so still, sagte er. Hamza wusste nicht, was er von ihm wollte.“ p.77.

[21] Afterlives p.65.

[22] Siehe den Afertlives gewidmeten Teil von https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2021/bio-bibliography/.

[23] Schutztruppenrelief im Tansania-Park auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne; der Tansania-Park ist eine Denkmalanlage in Hamburg-Jenfeld, die Ehrenmale und Skulpturen aus der deutschen Kolonialgeschichte präsentiert; Foto Dirtsc 17.1.2015, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ex_Lettow-Vorbeck-Kaserne_Hamburg_06.jpg?uselang=de.

[24] Afterlives pp.31ff.

[25] Ebd. p.40.

[26] Den Wutanfall löste aus, dass er erfuhr, dass sie schreiben gelernt hatte. Er wollte ihr die Schreibhand kaputtmachen – irrte sich aber in der Hand.

[27] Ebd. p.42.

[28] Einmal muss sogar eine Geisterbeschwörung inszeniert werden, um ihn vom Schatten dieses Onkels zu befreien. Afterlives pp.201f.

[29] Afterlives p.209.

[30] Ebd. p.216.

[31] Ebd. p.219: “Lebensraum (auf Deutsch im englischen Original) bedeutete für sie nicht nur die Ukraine und Polen. Der Nazi-Traum schloss auch die Hügel und Täler und Ebenen am Fuß der schneebedeckten Berge Afrikas mit ein.“

[32] Ebd. p.218.

[33] Ilyas/Elia in der Wüste. Ikone eines Künstlers/einer Künstlerin aus der Pskov-Schule, Foto Tretjakov-Gallerie o.D., zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Iliya_prorok_ikona_Pskov.jpg?uselang=de.

[34] Ebd. pp.218f.

[35] 1929 bemüht Ilyas/Elias sich in Hamburg um eine Pension als früherer deutscher Soldat. Um sie zu bekommen, hätte er Entlassungspapiere aus der Armee gebraucht, die waren ihm nicht ausgestellt worden. 1934 bemüht er sich um eine Kriegsmedaille für den Ostafrika-Feldzug. Auch mit diesem Begehr ist er erfolglos, solche Medaillen würden nur an Deutsche verliehen. Ebd. pp.210f.

[36] Der Rest dieses Absatzes und die beiden folgenden ist aus Günther Lanier, Die Siddi. Schwarze InderInnen afrikanischer Herkunft, Wien (Radio Afrika) 29.7.2020. Ich schicke ihn bei Interesse gerne zu.

[37] Isabel Hofmeyr, Charne Lavery, Exploring the Indian Ocean as a rich archive of history – above and below the water line, The Conversation 7.6.2020.

[38] Die dem Malagasy nächstverwandten Sprachen werden in Borneo (Indonesien) gesprochen. Wann die Besiedlung stattfand ist umstritten, jedenfalls jedoch deutlich vor dem Ende des ersten Jahrtausends nach der Zeitenwende.

[39] Ein weiterer meiner Artikel aus 2020 beschäftigte sich mit dem Indischen Ozean: Günther Lanier, Klimawandel und Kulturerbe, Wien (Radio Afrika TV) 19.8.2020. Ich schicke ihn bei Interesse gerne zu.

[40] Panorama von Stone Town vom Meer aus. Foto Lubumbashi 9.6.2009, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stone_Town_Panorama.jpg?uselang=de.

[41] Frei nach Susheila Nasta im oben erwähnten The Conversation-podcast-Interview vom 14.10.2021.