Solar- und Windenergie – Marokkos Grünwaschen der Besatzung der Westsahara

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Der “Mauer der Schande“, dem “Berm“ gegenüber – dem vor allem aus Sand errichteten Wall, der gemeinsam mit der Welt größtem Minenfeld den marokkanisch okkupierten vom freien Teil der Westsahara trennt[1]

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Günther Lanier, Ouagadougou 29.12.2021[2]
Mein heutiger Artikel wäre nicht zustande gekommen ohne Western Sahara Resource Watch (WSRW) und ihre Publikation “Greenwashing Occupation“ (s.u.) von Oktober 2021 – herzlichen Dank für die Erlaubnis zum Verwenden der Grafiken dieser Publikation!

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Nach dem Abzug der Kolonialmacht Spanien 1976 wurde die Westsahara großteils von Marokko annektiert. Zunächst besetzte auch Mauretanien einen Teil, doch 1979 zog es sich zurück und anerkannte die 1976 ausgerufene Demokratische Arabische Republik Sahara. Marokko drang daraufhin in die von Mauretanien geräumten Gebiete ein.


Die Mauer der Schande aus der Luft[3]

Die sahrauische Befreiungsfront Polisario führte in der Folge Krieg gegen Marokko, war trotz der algerischen Unterstützung jedoch deutlich unterlegen. 1991 kam es zu einem von der UNO bewirkten Waffenstillstand. Die Minurso – Mission der Vereinten Nationen zum Organisieren eines Referendums in der Westsahara – überwacht seither den Waffenstillstand und die Durchführung des Referendums, das zwischen Zugehörigkeit zu Marokko und Unabhängigkeit entscheiden soll, zu dem es aber nie gekommen ist und wohl auch nie kommen wird. 2020 erklärte die Polisario den Waffenstillstand für beendet, nachdem Marokko in der Nähe von Guerguerat in Polisario-Gebiet eingedrungen war. Ende 2020 anerkannten die USA – Trump hatte die Wahlen bereits verloren – den Anspruch Marokkos auf die Westsahara im Tausch gegen die marokkanische Anerkennung Israels.


Die verschiedenen Stadien des Berm, in Marokko Hassan-Mauer genannt; beige der freie Landesteil[4]

Es ist eine einzige Ungerechtigkeit, ein einziges Unrecht. Internationalen Vereinbarungen und UNO-Erklärungen zum Hohn ist der Großteil der Westsahara heute de facto Teil Marokkos und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das je ändern. Ein zusätzlicher Grund – oder vielleicht ist es nur ein zusätzliches Zeichen – dafür, dass sich Rabat nicht aus der Westsahara zurückziehen wird, sind die Energieschätze, die es hier ausbeutet und ausbeuten wird – bisher waren es vor allem (aber nicht nur) die Phosphate zu Lande und die Fische zur See[5].

Ganz allgemein ist der Dunkle Kontinent ein sonnendurchfluteter, ein heller, somit an Solarenergie reicher.


Stromertrag von Fotovoltaikanlagen in kWh/kWp[6]

Zum Vergleich: Wien-Neubau 1.181,2 kWh/kWp, Villach 1.316,3, München 1.174,3, Berlin 1.066,1, Bern 1.244,6, Lauchernalp/Lötschental 1.428,6 – sie alle befinden sich also im gelb bis gelb-grünen Bereich der Skala.

Bei der Windenergie gilt es genauer zu unterscheiden, da gibt es in Afrika sehr windarme Gebiete, insbesondere in Zentralafrika. Aber Westsahara, große Teile der Sahara, Namibia[7], Südafrika und Somalia sind auch hier begünstigt.


Durchschnittliche Windgeschwindigkeit[8]
Wieder zum Vergleich: Im windigen Wien weht der Wind im Schnitt mit 6,1 (Zentrum und Osten) bzw. 7,2 (ganz im Westen, im Wienerwald) Metern pro Sekunde.

Erneuerbare Energien sollen Marokkos Ruf in der umweltbewussteren Welt aufbessern. In den besetzten Gebieten in der Westsahara sind dafür ideale Bedingungen vorhanden, ganz besonders, was den Wind betrifft. Rabat nutzt das schon, ist außerdem dabei, die Nutzung auszubauen und hat für die Zukunft noch einiges mehr vor. Fast die Hälfte (47,2%) von Marokkos Windenergie und fast ein Drittel (bis zu 32,64%) seiner Solarenergie könnten 2030 aus den besetzten Gebieten stammen[9].


Links das Solar-, rechts das Windenegiepotential von Marokko im Norden und Westsahara im Süden/je dunkler das Rot bzw. Blau, umso höher[10]

Bisher importierte Marokko über 90% seines Energiebedarfs. Die in der Westsahara insbesondere mit Hilfe ausländischer Firmen wie der italienischen Enel und der spanischen Siemens Gamesa gewonnene erneuerbare Energie wird die ökonomische, profitmäßige “Abhängigkeit“ Marokkos vom besetzten Gebiet weiter verstärken und seinen Rückzug und somit die Selbstbestimmung der Sahrauis noch unwahrscheinlicher machen.

Bereits laufende Solar- und Windenergie-Projekte konzentrieren sich im Norden der Westsahara. CIMAR (5 MW) und Foum El Oued (50 MW), beide Wind, und Noor Laayoune (85 MW), Solar, operieren in der Umgebung der Hauptstadt der Westsahara, El Aaiún, nur 60km südlich der marokkanischen Grenze. Aftissat (200 MW), Wind, und Noor Boujdour (20 MW), Solar, sind nahe Boujdour angesiedelt, knapp 200 km die Küste entlang gegen Südwesten. In Bau und Planung befindliche Projekte werden in El Aaiún, Boujdour und im viel weiter südlich gelegenen Dakhla angesiedelt sein.


Wo Marokko in der Westsahara Wind- und Solarenergie ausbeutet (rot) und ausbeuten wird (gelb)[11]

Ein 300 MW-Windpark-Projekt wird derzeit in Boujdour gebaut. Ein dreimal so großes – Harmattan Dakhla Wind (900 MW) – ist für Dakhla in Planung.

Mehr als 95% der Energie, die das marokkanische Unternehmen OCP S.A. für den Phosphat-Abbau in der Westsahara braucht, werden von 22 Siemens-Windrädern des Foum El Oued-Parks geliefert.

Was die Beteiligung europäischer Unternehmen betrifft, ist die Rechtslage eigentlich klar. Und so meint auch das Erste Asset Management in seinem Quarterly Engagement Report für das 1. Vierteljahr 2018: “Siemens sollte zeigen, dass seine Aktivitäten in der Westsahara mit den Interessen und Wünschen der Sahrauis im Einklang sind, gemäß dem im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vereinbarten Recht auf Selbstbestimmung. Sollte das nicht möglich sein, dann sollte sich das Unternehmen aus der Westsahara zurückziehen.“[12]

Doch wer Macht und Geld hat, kann sich Unrecht leisten.

Es ist zu wünschen, dass Research und Kampagnen von Western Sahara Resource Watch (WSRW) et al. möglichst viel Aufmerksamkeit, ja Aufsehen erregen. Den Sahrauis gebührt unsere Anerkennung für ihr jahrzehntelanges Durchhaltevermögen im Kampf um die Selbstbestimmung.

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Endnoten:

[1] Foto Michele Benericetti 20.4.2011, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Facing_the_Berm,_Western_Sahara..jpg.

[2] Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren!

[3] Foto Minurso (Mission des Nations Unies pour l’organisation d’un référendum au Sahara occidental) 18.6.2005, leicht bearbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Muro_desde_el_aire.jpg?uselang=de.

[4] Wenn ich richtig verstehe, dann wurde die Karte gezeichnet von Roke und überarbeitet von M0tty am 16.8.2011, Quelle ist jedenfalls: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Western_sahara_walls_moroccan_map-en.svg.

[5] Siehe https://wsrw.org/fr/nouvelles/phosphate sowie https://wsrw.org/fr/nouvelles/industrie-de-la-peche.

[6] Karte aus https://globalsolaratlas.info/map - Global Solar Atlas 2.0, a free, web-based application is developed and operated by the company Solargis s.r.o. on behalf of the World Bank Group, utilizing Solargis data, with funding provided by the Energy Sector Management Assistance Program (ESMAP). For additional information: https://globalsolaratlas.info.

[7] Hierzu passend ein BBC-Artikel vom 28.12.2021, der vom weit gediehenen namibischen Projekt der Wasserstoff-Produktion berichtet, wobei die reichlich vorhandene Solar- und Windenergie helfen soll. Siehe Elna Schutz, The African nation aiming to be a hydrogen superpower, BBC Latest Updates 28.12.2021 um 0h11, https://www.bbc.com/news/business-59722297.

[8] Karte aus https://globalwindatlas.info/ - Global Wind Atlas 3.0, a free, web-based application developed, owned and operated by the Technical University of Denmark (DTU). The Global Wind Atlas 3.0 is released in partnership with the World Bank Group, utilizing data provided by Vortex, using funding provided by the Energy Sector Management Assistance Program (ESMAP). For additional information: https://globalwindatlas.info.

[9] Western Sahara Resource Watch (WSRW), Greenwashing Occupation, Oktober 2021, pp.15 & 18, https://wsrw.org/en/news/report-morocco-uses-green-energy-to-embellish-its-occupation.

[10] Ebd, p.4.

[11] Ebd. pp.10f.

[12] Zitiert ebd. p.8. Das Zitat kann nachgelesen werden im Quarterly Engagement Report Q1 2018, p.43 auf https://cdn0.erstegroup.com/content/dam/at/eam/common/files/ESG/mittelbares-engagement/Engagement-Report-2018_EAM.pdf (nicht direkt zugänglich, sondern nur über https://www.erste-am.at/en/private-investors/sustainability/publications-and-guidelines). Übersetzung GL. Die WSRW-Studie ist übrigens auch auf der Webseite von German Watch zu finden (https://germanwatch.org/sites/default/files/publication/15121.pdf), ein Netzwerk, das sich mit Politik und Wirtschaft des ‘globalen Nordens‘ und ihren weltweiten Auswirkungen beschäftigt.